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Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
17. Mai 2008 / 17:36
OZ (SA): May 18, 2008 / 01:06

AUSTRALIEN-REISE

Paul, der Kastenkopp

Matratzenreinigung

Alle paar Wochen, wenn eine Grundreinigung von Pferd und Sattel unvermeidbar wird, sucht sich der Cowboy eine Münzbetriebene Laundrette. Das Ross wird dann davor geparkt und in sorgsamer Arbeit entrümpelt, Kiste für Kiste aus dem Kofferraum gezogen und auf dem staubigen Asphalt zwischengelagert. Die Schaumstoffmatratze wird entkernt und ihr Überzug durch kräftiges Klopfen entkrümelt und gewaschen. Der Matratzenkern hingegen erfährt eine prophylaktische Schimmelspray-Behandlung* und zum Abschluss wird wieder alles neu zusammengesetzt.
Es ist ein zeitaufwändiger Vorgang, den man immer auch dazu nutzen kann, gleichzeitig seine Kleidung zu waschen, oder den Fußraum des Wagens Pferds von Sedimentschichten aus Kuchen und feuchter Atemluft zu befreien.

Bei dieser Aktion stand er plötzlich in der Eingangstür und sah mir neugierig über die Schultern. Räuspernd um Aufmerksamkeit ringend, verschenkte er Zug um Zug seines brackigen Atems, der in der Windstille schneller zu meiner Nase vordrang als seine knarzigen Worte an meine Ohren: „Whaddaya doing, mate?“

Eine Brille war das! Getönte Halbkugeln aufgeklebt auf Fensterglas und einem beige-farbenen Horngestell, das hinter den Ohren in stumpfen braunen Haken mündete. Die Nasenflügel, auf denen sie saß, waren grob und tiefporig und standen in verschiedenen Winkeln zum restlichen Gesicht. Seine Zähne schimmerten braun durch den trockenen Schlitz, aber vor allem die Flechten auf der Haut waren ein unmissverständliches Zeugnis von zu starker Sonne, hohem Alter und schlechter Hygiene. Und das war ein Jammer, denn der Mann betrieb den einzigen Waschsalon im beschaulichen Kupfermienenort Moonta.

Zunächst höflich, aber bestimmt, tat ich so, als gelte die Frage nicht mir, auch wenn ich weit und breit der einzige Mensch auf der Straße war. Doch der hartnäckige Smalltalk liess sich nach dem dritten Versuch nicht mehr ignorieren. Ich gab zu, auf der Reise zu sein, und ja, ich putzte mein Auto regelmäßig. „So, wherdoya come from?“„From Germany.“„Aus Deutschland!“.

Wie man es als gebürtiger Hamburger in den Sechzigern über den Seeweg nach Australien schafft, um dort mehr als fünfzig Jahre hintereinander durch fünf Bundesstaaten zu tingeln – vermutlich hätte Joachim Fuchsberger eine ganze Sendung daraus gezaubert. Mir war der Mann mit den trüben Kleksen statt Augen doch etwas suspekt, und das lag nicht nur an seiner beharrlichen Bitte doch noch ein wenig zu bleiben, er mache mir auch gerne einen Kaffee. Bei sich. In seiner Wohnung.

Tatsächlich war das Haus modern und voller unerwartetem Luxus.
Es stand hinter dem Salon und umgrenzte mit ihm und mehreren große Garagen einen Hof und drei Beete eines Schrebergartens. Dort, wo keine Häuser standen, trennte ein hoher Metallzaun das Grundstück von einer Reihe Eukalypten und endlosen Kilometern Buschland.
Der Eingang versteckte sich unter einer üppig bewachsenen Pergola und führte durch eine Glastür direkt ins Wohnzimmer.
Dessen Wände waren bis unter die Decke behängt mit Luftaufnahmen der Hansestadt und einem Dutzend Kinderbildern, von denen ich annahm, das sie Enkel zeigten. Arm konnte der Mann, der sich inzwischen als Paul vorgestellt hat, nicht sein, trotz der ungepflegten Erscheinung – Waschmöglichkeiten werden im staubigen Ödland von Südaustralien wohl immer gebraucht, und selbst Howard Hughes war zu seinem Lebensabend hin im Luxus verwahrlost.
Aus den Fenstern der Küche sah man direkt auf den Hinterhof mit seinen blassen Büschen und pockennarbigem Gras. „Schön nicht?“ – oh ja, gegen die zähen Spinifex-Gräser der umliegenenden Landschaft, war das ein Englischer Rasen.

Der Kaffee war ordentlich und das Gespräch auf der Meta-Ebene spannend, auch wenn so mancher Satz des vom Alter herausgeforderten seltsam unvollendet blieb. Am meisten amüsierte mich sein ständiger Wechsel zwischen den Sprachen. Dieser fand häufig zwischen den Sätzen statt, aber manchmal auch mitten im Wort. Dabei schien sein Englisch nahezu perfekt, wäre da nicht das verräterisch nordeutsche „st“. Auch mir machte er Komplimente für mein ausgezeichnetes Englisch. Vermutlich hatte er nicht bemerkt, dass wir schon die ganze Zeit auf Deutsch sprachen.

Meine Absicht für ein Jahr durch das Land zu reisen, fand er spannend und sparte natürlich nicht mit guten Ratschlägen, was ich noch sehen müsse. Die Einwände, dass ich bestimmte Orte schon besucht hatte, wischte er jedoch beiseite und gab mir dafür noch eine Lektion in Aussie-English: „Wenn Dich jemand Boxhead nennt, then he’s your friend.“. Germans sind nämlich Kastenköppe, und als er vor zig Jahren bei der australischen Marine anfing, hat ihn ein Kollege so genannt. Als Antwort gab’s eine ordentlich Nuss, dabei war das Wort nur neckisch gemein. Anschliessend wurden sie beste Freunde.

Die Verabschiedung war schwierig, denn so richtig gehen lassen wollte Paul mich nicht.
Auf meiner Reise bin ich schon Menschen begegnet, die vor Großstädten geflüchtet waren, weil ihnen dort zu viele Menschen wohnen. Doch auch die Einsamkeit des Landes, so scheint es, ist für manche derart unerträglich, dass sie sich um jede Menschenseele klammern , die an ihren kleinen Alltag vorüberzieht. Im Alter noch stärker als bei den Jungen. Die fliehen nämlich gleich vom Land, sobald sie groß genug sind, zum Rennen.

Das habe ich dann auch getan: Ich bin gerannt. Richtung Sonnenuntergang, und dann rechts.

Sonnenuntergang auf der Yorke Halbinsel

* Die Matratze dunkelt an den mit Spray behandelten Stellen stark nach, wodurch für vorbeilaufenden Passanten, die von der wahren Ursache nichts ahnen und nur das dunkelbraune Resultat in der Matratzenmitte sehen, ein peinlicher Moment entstehen kann.

 
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