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Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
7. April 2008 / 18:06
OZ (Ost): April 8, 2008 / 02:06

AUSTRALIEN-REISE

Der Cowboy und sein Ross

Aus dem Fenster

Sein Kühler frisst sich durch den Staub: Charlie hat Hunger. Er knurrt und kocht.
Wir schaukeln über den Highway in die große Stadt, den Ölspuren der andern nach. Ein Ziehen und Bocken. Mein Wagen wiegt unruhig den Sattel.

Vielleicht ist es Liebe: Objektophilie. Vor einigen Monaten las ich von diesen seltsamen Menschen, die Beziehungen mit Gegenstände führen: Eine Frau, die ihr World Trade Center verloren hat. Seit 7 Jahren sinnt die Witwe nach Rache und füllt die Lücke mit einem Modell. Wenn diese Liebe eines ist, dann schmerzhaft.

Vielleicht ist es Zweckbeziehung. Ich musste einmal ums Land herum, und er steht nicht gerne in der Garage. Ein Auto muss ausgefahren werden. Geritten. Durchzug im Auspuff. Charlie Jumper braucht einen Lonesome Cowboy, der ihm die Sporen gibt. Lucky Manniac, das bin ich. Und Rantanplan ist ein Wallaby.

Das Leben als armer, einsamer Cowboy ist teuer. Jeden Tag fließen rund 50 Dollar über die Tresen der Motels und Saloons von Ozham City. Mit Benzin sind es fast 70. Um zu sparen schlafen wir am Straßenrand, auf Rastplätzen und zwischen Felsen, die uns der Fortschritt gelassen hat. Eingekuschelt. In seinem Kofferraum. Mein faradayscher Schwitzblocker. Mein ungeduschter Blitzkasten.
Noch teurer wird es, wenn das Pferd bockt, zum Hufschmied muss, oder zum Veterinäramt.

Der Mann mit der verwachsenen Kappe hat einen grauen Schleier im Blick. „It was really sick“, sagt er und reibt dabei die Hände in ein zottiges Tuch. Von den sechs Zylindern waren vier morsche Melonen. Ich stell mir das vor und betrachte dabei seinen Hut. „Could you fix it?“.

Vielleicht hat er auch nur ein bisschen an den Lötstellen geschabt – er sagt, die Zündung war hinüber, doch die habe er jetzt getauscht. 150 Dollar wechseln den Besitzer. Geld – woher nehmen, wenn nicht arbeiten? Und Charlie brummt zufrieden. Montags-Auto.

Luna Park Melbourne

Wir sind in der zweiten großen Stadt Australiens: Sydney ist die erste mit 3,7 Millionen, aber Melbourne mit seinen 3,5 wird es bald eingeholt haben. Die beiden sind die Hauptstädte ihrer jeweiligen Bundesstaaten. Die Desserts am Rande des großen roten Lochs. Die kalten Schalen rund um den glühenden Sandkasten. Wäre Sydney ein Spaghettieis mit Himbeersoße, dann wäre Melbourne ein Dolomitibecher mit Sahne: Fruchtig lecker, aber auch ein bisschen fett.

Rund um Port Phillip, der kreisrunden Hafenbucht, in der Fährschiffe von und nach Tasmanien landen, hat sich das Leben ganz nah ans Wasser geschoben. Lebendige Viertel, wie St. Kilda im Südosten und das weiter im Norden gelegene Fitzroy spannen den Stoff auf, aus dem diese Stadt gewoben ist. Gegenüber hängt er an den Wolkenkratzern des Zentralen Geschäftsbezirks. Von dort aus geht es abwärts. Zu den Armen und Bunten. In die hippen Vororte, die sind, wie Rosenthaler Straße plus Lange Reihe mit Conny Island und Berliner Mauer zwischen den Arcaden. Musikanten am jeder Ecke. Straßenkunst gegen ein paar Cent. Grafittiwunderland. Sogar die Tags haben Stil.

Grafitti 1

Grafitti 2

Grafitti 3

Wir haben hier schöne Tage verbracht. Zusammen die Hitze des Nachmittags überwunden und nachts den schneidenden Frost. Melbourne liegt in den Subtropen mit vier unterscheidbaren Jahreszeiten. Am Tag.

Kürzlich färbte sich dann der Himmel rot. Apokalyptus in der Luft. Wüstensand machte Mars aus der Strandpromenade neben dem Luna Park, und die Bäume warfen ihre Früchte. Im Fernsehen hieß es, es war der stärkste Sturm des Jahres. Der Verkehr stand still. Keiner traute sich noch auf die Straße. Und auch bei uns wurde es wild. Doch Charlie hat mich versorgt. Sein schützendes Blech über mich gelegt – es war nur etwas laut, denn die Zapfen fielen auf das Dach.

Jetzt klart es wieder auf – doch es wird nicht mehr so warm, wie es vorher war. Die Blätter leuchten braun und der Wind ist kalt.

„Es wird Zeit.“, sage ich zum Pferd, und das Pferd sagt: Komm, steig auf, Mann. Und red nich so viel.
Dann stößt es ein Wiehern von sich und schüttelt die Mähne.

Vielleicht ist es gar nicht real, was ich erlebe. Vielleicht gibt es keine Objektophilie und auch keine Zweckbeziehung. Vielleicht ist Charlie gar kein Pferd und ich kein einsamer Cowboy.
Aber wen kümmert das schon, wenn die Sonne im Hut steht und der sandige Wind auf der Zunge salzig schmeckt und warm?

Los Charlie Jumper, fühl meine Sporen! Dem Fluß nach! Raus auf’s Land!“

Okay, Boss.

On the road.

 
 


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