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4. Juli 2007 / 22:20

Traumatisch

Schäuble, beautified
Schäuble, beautified

Ich lese manchmal von Traumata ehemaliger Unfallverletzter oder Opfern von Attentaten.
Manche Menschen brauchen viele Jahre bis sie im Alltag wieder Fuß fassen und selbstständig leben können. Manche schaffen das leider nie wieder.

Es gibt Überlebende traumatischer Ereignisse, die den Mut weiterzumachen darin finden, dass sie sich einer Aufgabe widmen, die weit über das „Menschenmögliche“ hinausgeht. Sie überfordern sich selbst und ihre Umgebung für ein höheres Ziels, das sie zu erreichen streben. Sie setzen sich ein gegen Hassverbrechen oder gegen die Verbreitung von Landmienen. Sie kämpfen wider dem Drogenkonsum oder für die Menschenrechte in China. sie geben ihr Leben für Tiere, Land und Natur, flüchten in einsame Büro-Etagen globalaktivistischer Organisationen und sterben – schließlich – als Papierkrieger gegen den Bürokratiewahn am Schreibtisch.

Und dann gibt es noch welche, die ihr Seelenheil in der Abwehr psychisch kranker Extremisten suchen und meinen, ein ganzes Land – notfalls gegen dessen Willen – vor drohendem Unheil beschützen zu müssen. Denn wer kennt es besser, als derjenige, der es schon erlebt hat? Und wer kann es besser, als einer, der dazu die demokratisch legitimierte Befugnis hat?
Ich weiss nicht, wie lange Wolfgang Schäuble schon vom manischen Eifer, die Welt von allen Störfaktoren bereinigen zu wollen, besessen ist. Freunde haben mir erzählt, der alte Schäuble, der schon unter Kohl gedient hat, sei entspannter gewesen – selbst noch nach dem Attentat auf ihn im Oktober 1990. Der Sicherheitswahn, den er mit seinem Amtsantritt 2005 vorgestellt hat, rühre einzig aus dem ehrverletzten Versuch, Otto Schily von rechts zu überholen.
Gewagte These. Ich glaube jedoch, dass meine Freunde an diesem Punkt falsch liegen.

Mancher mag einwenden, es sei moralisch falsch, Wolfgang Schäuble an seiner Querschnittlähmung zu messen, sie ihm ob seiner Befähigung zum Amt, das er bekleidet, vorzuhalten. Andererseits: Kann man den Einfluss eines dramatischen Attentats auf eine Person mit dieser Machtbefugnis ignorieren? Keiner kann die Zeit zurückdrehen und ungeschehen machen, dass ein Geistesgestörter mehrere Kugeln auf einen Regierungsbeamten anfeuert und ihn seiner Fähigkeit zu laufen beraubt. Aber dieses Attentat hat mehr als nur physische Spuren hinterlassen. Es geht um Kompensation. Und es geht um die Innere Sicherheit.

Der arme Mann ist ab dem 3. Brustwirbel abwärts gelähmt. Seit 17 Jahren sitzt er im Rollstuhl. Ich kenne Wolfgang Schäubles Sexualleben nicht. Aber es ist nicht schwer zu erraten, dass für einen Mann im Rollstuhl die Möglichkeiten begrenzt sind. Auch weiss ich nichts von seinen privaten Wünschen und Träumen. Den Dingen, mit denen er im Alter von 30 Jahren seine Rente verplant hat oder die er sich mit 40 wünscht, dass sie ihm mit 70 in Erfüllung gehen. Träume zersplittern, wie Mark und Knochen.
Schäuble muss kämpfen. Wie Angela Merkel, die sich in einer Männerwelt wiederfand. Schäuble, der kein ganzer Mann mehr ist, und der trotz Behinderung den Weg zurück in die Politik fand, kämpft gegen etwas, das viel größer ist als er. Es ist ein auswegloser Kampf: Gegen Terror aus Nahost, gegen die Privatsphäre, gegen Copyright-Piraten, gegen Parteispendenskandale, gegen den Unterschied von Kriegsrecht und Friedensrecht, gegen verdächtige Bürger, gegen Globalisierungsgegner, gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, gegen das Folterverbot, gegen die Totalverschleierung, gegen Störer aus allen Reihen.
Vielleicht kämpft Wolfgang Schäuble manchmal sogar mit sich selbst.

Eine Leistung kann man ihm jedoch nicht absprechen: Unser Innenminister hat erkannt, dass die größte Gefahr für den Staat von seinen Bürgern ausgeht. Nur die Differenzierung zwischen Tätern und Opfern bereitet noch Probleme. Das Individuum im Staat Wolfgang Schäubles ist ein schützens- und verfolgenswertes. Er wird nicht eher ruhen, bis eines von beiden sich ergibt.
So bedient der Star-Innenminister Schäuble den bedrohten Staat, weil er zu wissen glaubt, was dieser braucht, und behütet seine Bürger, auch wenn er gar nicht versteht, wovor. Am Ende gibt Schäuble alles für die Innere Sicherheit. Kompensation für verlorene Lebensqualität.
Der Mann hat sich verdient gemacht, und wenn es dabei nur um unsere Aufmerksamkeit geht. Das Bild, das wir von ihm haben, ist ein Zerrbild, und wer es geraderücken will, tut gut daran, seine Vorgeschichte zu kennen. Die Falten und Narben, die sein Gesicht zeichnen, erzählen von einer harten Vergangenheit und versprechen eine harte Zukunft.
Mein Mitleid hat er.

 
 


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