YouTube Twitter Facebook RSS-Feed
 
11. Juli 2008 / 16:42
OZ (WA): July 11, 2008 / 22:42

AUSTRALIEN-REISE

Regen und Splitter

Luftlos

In der Nacht fiel von oben eine ganze Menge Wasser. Kalt war es obendrein. Geschlafen habe ich natuerlich nicht viel. Und schliesslich bin ich vom Pressluftlaerm der Muellwaegen aufgewacht. 7:30 Uhr. Der Magen voller Steinbruch. Das erste Wort des Tages: ‘Wenn’.
Wenn.

Wenn Lenovo meinen Computer nicht verschlampt haette, waere ich auch nicht im Internet-Cafe gesessen. Wenn ich nur 5 Minuten frueher gekommen waere, dann haette ich auch das Nummernschild noch erkannt. Wenn die dunklen Folien noch kleben wuerden, vielleicht haetten sie den Wagen gar nicht beachtet? Wenn mir nicht seit Wochen das geballte Pech der Suedhemisphaere um die Ohren floege, vielleicht waere dies das entspannteste Blog Deutsch-Australiens.
Doch unser analoges Universum kennt kein Konditional und ausserdem keine Gnade.
Aber beim Timing ist es Spitze.

So weiss ich genau, wie die Reifen quietschten, und dass das andere Auto irgendwie neu und dunkel war, als es vom Blitz gestoert um die Ecke verschwand. Aber das ist fuer den Polizeibericht so genau, wie ein Phantombild aus Fingerfarben.
Gut, es hat den Officer nicht gestoert – er macht das auch nur fuer die Statistik und ich vielleicht fuer die Versicherung. Aber was nuetzt die schon? Mit Versicherungen kenn ich mich aus. Das ist, wie vom Einbrecher Geld zurueckzuverlangen.
Gerade nachgeschaut: Natuerlich ist genau mein Fall nicht gedeckt. War ja klar.
Und das mir sowas passiert sowieso.

Dabei war ich mir zunaechst nicht sicher, ob es wirklich mein Auto war, das mir am Ende der langen Strasse mit offenem Kofferraum und hellen Innenlichtern entgegenblitzte. So hatte ich Charlie noch nie gesehen. Und als ich sein Nummernschild erkannte und anfing zu rennen, spukte es durch meinen Kopf: Das kann er nicht sein. Das darf er einfach nicht sein.
Aber er war es doch. In diesem Moment muessen die im Auto daneben mich gesehen haben. Wahrscheinlich waren sie gerade mit dem Einladen fertig und ich kam genau rechtzeitig zur Abfahrt.
Spots an: Die Reifen drehten ruckartig durch. Zack, schlittert er ums Eck und davon. Ich renne noch hinterher, auch wenn ich weiss, wie filmreif und sinnlos das ist. Natuerlich erkenne ich das Nummernschild nicht. Der Fahrer hat es geschwaerzt. Ist ja nicht doof.

In Trance schwebe ich zurueck. Nieselregen setzt ein. Es ist wie nach einem Unfall, wenn sich der Fahrer dem liegenden Opfer naehert. Von aussen wirkt es wie im Schlaf. Doch dreht man den Kopf zur Seite, klafft eine entsetzliche Wunde.

Loch

Sie haben genommen, was sie finden konnten:
Meine Videokamera, die (alte) Ixus 50, mein Rucksack, das Wacom-Tablet, mein GPS, fast alle Kabel und Ladegeraete.
Immerhin: Die meisten Kassetten sind noch da. Doch mein (teures) Stativ fehlt und meine Fototasche mit den Ersatzkarten und dem Teleobjektiv: Weg. Die Seitenablage mit den Filtern: Ausgeraeumt. Gut, die waren ohnehin verkratzt.
Und dann der groesste Schock: Meine Spiegelreflexkamera – das teuerste Geraet auf der Reise und das einzige, was wirklich mein Herz killt. Ich taste neben der Matratze: Nichts. Hinter dem Fahrersitz: Auch nichts. Ich mag nur noch LAUT SCHREIEN!
Doch, halt! Meine Hand greift unter dem Sitz…
Ich habe sie gefunden! Immerhin etwas, das bleibt.
Und auch meine Festplatten mit den Sicherheitskopien: Vergraben unter den Decken und alle noch da. Die Ixus 70, die ich mir in Thailand gekauft habe: Die war noch in meiner Jackentasche.
Die Klamotten haben sie mir gelassen, genauso wie die beiden grossen Plastikkisten. Doch drin ist kaum etwas, was mir jetzt nuetzt: Pfannen, Toepfe, Teller, Spuelmittel und ein kaputtes Autoradio.
Und der Laptop? Muss ich Lenovo jetzt dafuer danken, dass sie mich so lange darauf warten lassen?

Der Regen trommelt immer staerker gegen die geborstene Scheibe und ich ziehe eine der leeren Plastiktueten aus dem heillosen Durcheinander. Mit weissem Gaffa tape ich sie auf das zersplitterte Glas. In meiner Vorstellung kommen sie jede Sekunden zurueck und nehmen mir auch das noch. Ich verriegle die Tuere. Wie sinnlos.

Scheibe

Als naechstes die Irrfahrt zur Polizeistation, und ich parke ganz nahe beim Eingang, damit nicht noch einer was klaut.
Kurz darauf sitze ich wieder im Auto, verwirrt, so dass ich nicht einmal mehr weiss, wie man heult. Ich ziehe das Handy aus der Tasche, rufe meinen besten Freund an. Er bekommt alles ab.
Er ist der Beste.

Spaeter jage mir Gespenster durch den Kopf: All die Ideen der letzten Wochen. Die Texte, Filme und Animationen, die ich mir ausgedacht hatte, aber ohne Rechner einfach nicht verwirklichen konnte. In manchen Faellen werde ich das leider auch nicht mehr koennen.
Die geheimnisvolle Nullarbornymphe, das Goldgraeberstaedtchen Kalgoorlie-Boulder und der saftig-gruene Suedwesten. Schon von dem vielen bereits Erlebten schaffte kaum etwas ins Blog. Mir fehlt der Laptop und die Geborgenheit des Autos, um meine spontanen Einfaelle in Geschichten zu packen. Doch mit der Geborgenheit ist jetzt ohnehin Schluss, und andere moegen in Internet-Cafes onanieren koennen, doch ich kann in der Oeffentlichkeit nicht einmal schreiben.

Die bluehenden Wildblumenfelder im Norden, die Sharkbay, der Kakadu-Nationalpark und die endlos lange Fahrt nach Broome: Die bereits gespendeten Strecken nach Darwin, die eigentlich noch vor mir liegen, ruecken in unerreichbare Ferne. Nach den Ereignissen der letzten Wochen ist Australien schon fast nicht mehr vorhanden.
Ich will auch ehrlich sein: Das Alleinereisen schlaucht. Haette ich Gesellschaft von einem Kopfverwandten, dann waere selbst der schlimmste Aerger noch zu ertragen. Doch so?

Die letzten sieben Monate waren eine aufregende Zeit, in der viel passiert ist und ich ein spannendes Land kennenlernen durfte. Von manchem hatte ich mir ein falsches Bild gemacht, und es ist gut, ueber diese Taeuchungen hinweg zu sein. Doch so manche Enttaeuschung gibt es nur gegen einen bitteren Preis.
Die Seifenblase, in der ich mich durch Oz bewegt habe, ist geplatzt. Von Australien, das ist sicher, habe ich genug gesehen.

Waehrend sich die Erkenntnis quaelend langsam auf mein Bewusstsein senkt, haemmert der Regen immer ruecksichtsloser gegen die Spinnweben im Glas. Im hysterischen Muster aus Scherben und Tropfen reflektieren die rot-blauen Lichter der Polizei, die soeben einen Raser gestellt hat. Direkt vor dem Revier – wenn das mal kein Fang ist.

 
 

15 Reaktionen zu Regen und Splitter

  1. The Exit

    Da kann man nur mitweinen.

  2. Markus

    Wenn es noch an Entscheidungshilfen gefehlt haben sollte, wieder die Heimreise anzutreten, dann sind sie Dir mit den letzten schlechten Erfahrungen gegeben worden.

    Ehe es noch übler für Dich kommt (geht das überhaupt?), ist es richtig, an ein Ende dieses Australien-Abenteuers zu denken. Mitfühlende Grüße aus Hamburg!

  3. r|ob

    Komm zurück: Hier ist es warm. Und fahre wieder hin. Wenn die Seele aufgetankt ist...

    Zum Glück sind Erinnerungen gnädig, und so werden meist die spannenden Augenblicke bleiben...

  4. Simon

    Wäre das eine Hollywood-Roadmovie-Komödie, solltest du in deiner Situation jetzt einen Lottoschein auf der Straße finden, Geld gewinnen, damit einen Top-Anwalt bezahlen, um Lenovo in Grund und Boden zu klagen und dabei noch herausfinden, dass diejenigen, die Charlie aufgebrochen haben, auch dafür verantwortlich sind, dass du die dunklen Folien Wochen vorher abkratzen musstest und zudem für den Lenovo 24h Service arbeiten...

    Das mit dem Konjunktiv hast du schon erwähnt, also solltest du wohl besser versuchen den ganzen Mist da hinter dir zu lassen und zurück zu kommen. Es gibt bestimmt weniger pechbeladene Kontinente für dich zu entdecken!

  5. Blog Off Miles & More « BLOG OFF!

    [...] Spender, nach dem unerwarteten Fruehableben des Blog Oz-Produktionslaptops und dem Diebstahl der Reiseausruestung, Videokamera und anderer Dinge, koennen und wollen Manniac und Charlie ihr [...]

  6. heiste

    Fühl dich umarmt und ganz doll gedrückt!!!

  7. der toby

    Mein Mitgefühl. Das ist und bleibt ein Alptraum.

  8. marten

    oje, du hast aber auch pech. das ist ja gruselig. wir sind bei dir und drücken die daumen, dass es sich einrenkt und du die richtigen entscheidungen triffst. mach das, womit du glücklich bist und wenn du dann in deutschland bist, gehen wir mal ein bier trinken, ich wil unbedingt live davon berichte hören.

    halt die ohren steif und beiß die zähne zusammen! ich habe großen respekt das du es durchgezogen hast und so weit gekommen bist!

  9. Martin von der Dü(h)ne

    Das erinnert mich ein wenig an die Neuseelandreise von nahen Verwandten vor ein paar Jahren. Sie fuhren immerhin in einem als relativ sicher geltenden, neuen Wohnmobil, aber die Täter waren dort noch gründlicher und nahmen wirklich alles, auch das gesamte technische Equipment. Der Schaden war enorm. Das hat die beiden Reisenden sehr bedrückt und brachen die Reise dann ab. Vor so etwas ist man also auch nicht gefeit, wenn man zu zweit ist. Allerdings ist geteiltes Leid halbes Leid, das stimmt.
    Was Du von der Reise bei allem Übel mitnehmen kannst ist, dass Du Deine Grenzen ausgetestet hast. Du weißt nun, wie weit Du selbst gehen kannst und kannst dieses Wissen in der Zukunft positiv nutzen.

    Schau zu, dass Du heil zurück kommst, ich habe da immer noch so ein Phoenix-Vögelchen für Dich. Ab Montag gibt es davon sogar die Fortsetzung. Wäre schön, wenn ich Dir beide schicken könnte. :-)

  10. Bellerophon

    Das ist echt sehr bitter. Ich kann ganz gut nachempfinden, was du in dieser Nacht durchmachen musstest... Es muss für dich ungefähr genauso gewesen sein, wie damals, als ich, alleine von der Schule kommend, auf einmal vor unserer aufgebrochenen Wohnungstür stand. Ein Gefühl, dass echt schwer zu beschreiben ist und man es keinem wünscht es irgendwann erleben zu müssen.

    Unter diesen Umständen kann ich deine Entscheidung absolut verstehen. Und r|ob hat recht - Australien läuft dir schon nicht weg (mal abgesehen davon, dass es irgendwann, in zig-Millionen Jahren mit der indischen Küste kollidieren wird).

    Wenn du wieder in Berlin bist, kriegst du auch ein groooßes Stück Torte. Versprochen.

  11. @The Exit: :-(

    @Markus: Ja, das war wirklich der Tropfen ins randvolle Fass...

    @rob: Ich weiss, dass Du Recht hast, aber mein Bauch weiss es leider noch nicht... :/

    @Simon: Man fragt sich ja immer, wie die in solchen Filmen auf diese abstrusen Ideen kommen - aber das liegt daran, dass wir unsere Gegenwart ab einem bestimmten Level von Abstrusitaeten einfach nicht mehr hinterfragen...

    @heiste und toby:
    Danke :)

    @marten: Also ueberleg es Dir noch mal, mit der Weltreise ;)
    Bzw. stell Dich drauf ein, dass es Dir genauso ergehen kann...
    Und jepp, bald bin ich da, und dann gehen wir was trinken.
    Also, falls ich so lange noch ueberlebe...

    @Martin: Neuseeland? Oh mann.. es ist wirklich nicht zu fassen.. Das harmlose Neuseeland.. Aber leider kenne ich solche Geschichten auch. Unter anderem vom Kiwispotter jetzt kuerzlich, aber auch von einem Fotografen, der dort im Tongarironationalpark unterwegs war, und dem sie die komplette Ausruestung geklaut haben.
    Ich hatte immerhin das Glueck, dass ich einige Sachen gut versteckt hatte, und manche anderen Sachen bei mir trug. Sonst waeren die auch weg gewesen..
    Und ich freue mich auf die Phoenix! :)
    Oh mann.. ich muss endlich mal das Interview veroeffentlichen - aber das ist ja leider auch auf dem Laptop...

    @Bellerophon: Oh shit.. Wohnungstuer? War das in einem der unteren Stockwerke? In Berlin? Ich will ja immer mindestens im dritten Stock leben, genau wegen solcher Dinge... :-/
    Ui, Torte :) Ich muss gucken, dass ich einen schnellen Flug kriege ;o)

  12. MC Winkel

    ... hab das ja beim Batz neulich schon gelesen; wirklich superscheiße.
    Drücke die Daumen, dass die Versicherung für das Gros aufkommt...

    Und ich dachte, dass mit dem Notebook sei schon eine absolute Schicksals-Sauerei... und dann das. :(

  13. Bellerophon

    Ja, wir haben damals im ersten Stock gewohnt. Das war zu den Zeiten als ich noch in Sofia gelebt hab. Und jung war *heul* :P

    So so. Mit Torte kann man dich also leicht locken? :P

  14. Magic M.

    Wenn das so weitergeht, entwickelt sich das noch zu einer "Neverending Story". Zuhause ist auch schön und Du hast noch Dein ganzes leben Zeit für weitere Abenteuer.

  15. Survival of the fittest « BLOG OFF!

    [...] habe ich sehr mit meiner Entscheidung gerungen, die ich direkt nach dem Einbruch in mein Auto verkündet habe. Am liebsten hätte ich damals noch am selben Tag meine Sachen gepackt und wäre nach [...]


Nachfolgebeitrag:
Vorgängerbeitrag:

powdered by wordpress and manniac.de and Bilder Blog (cc-by-nc-sa) 2007