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Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
22. Juni 2008 / 08:30
OZ (WA): June 22, 2008 / 14:30

Baden im eigenen Saft

Es gibt Dinge, die miteinander nicht funktionieren. Ich und Discos zum Beispiel.

Während der Schulzeit gehörten zwei Veranstaltungen zu den wichtigsten Ereignissen des Jahres: Der Herbst- und der Fastnachtsball. Wie alle Schüler fieberte ich den beiden schon Monate vorher entgegen.
Die Bälle hatten etwas magisches, da sie unser schulisches Umfeld innerhalb weniger Stunden in eine Märchenlandschaft aus bunt beleuchteten Gassen, hohen schwarzen Räumen mit blitzenden Lichtern und drehendem Schmuck an der schwarz verhängten Decke verzauberten. Horden von Schülern verschiedenen Alters stürmten ab dem frühen Abend die riesige Aula und füllten schon wenig später die Erweiterungen im Musiksaal, den kleinen Technoraum in der zweiten Etage und den langen, in Schwarzlicht getauchten Gang, der die Gebäudeteile miteinander verband.

Da die zweite und dritte Etage mit schweren Bänken unpassierbar gemacht worden war, drängten sich viel mehr Schüler im Erdgeschoss als morgens in der großen Pause. Dort pendelten sie zwischen zwei Polen: Der langen Bar, an der, wer alt genug war, Alkohol erhielt, und, etwas versteckt in einem der hinteren Räume, das gemütliche Lehrercafe, das so hieß, weil man hier mit freundlichen Lehrern, Teelichten und Kuchen den Abend verbrachte.
Das Lehrercafe wurde nie sehr voll, denn wer auf der Schule etwas auf sich hielt, blieb in der Bar. Wer weich und nett war, ging dagegen ins Lehrercafe, denn dort war es schön.

Während sich im Laufe des Abends immer mehr meiner Freunde auf die Tanzfläche in der Aula verzogen, um dort für Rosis Nummer* die Hüften zu schwingen, erschlich ich mir den Weg in den verbotenen Bereich.
Es war nicht leicht, an der Schülerpolizei vorbeizukommen, die mit Argusaugen die verbarrikadierten Treppen patrolierte. Natürlich wäre es auch gefährlich gewesen, wenn sich ein Pulk angeheiterter Elftklässler Zugang zur schweren Lichtanlage verschafft hätte, welche die Deko-AG in zweitägiger Arbeit an den oberen Geländern befestigt hatte. Doch Alkohol** wurde mir erst viel später*** bekannt, und ohnehin hatte ich ganz anderes im Sinn.

Ich war nie jemand, der sich in Massen wohl fühlte. Ich tanzte nicht gerne, zumindest nicht solange jemand dabei zusah, und viele Menschen, vor allem auf Partys und Festen, wirkten auf mich bedrohlich, zu schnell und zu laut. Die Angst vor umherfliegenden Armen und Beinen war bei mir genauso ausgeprägt, wie die Furcht vor Fußbällen, und der Skrupel, die Bedenken fortzutrinken, saß dominant in meinen Genen.
Auch heute stelle ich betrunkene Freunde regelmäßig vor unlösbare Rätsel, wenn ich ihnen launisch den Umgang versage. Wahrscheinlich stammt mein Argwohn noch aus dieser Zeit, als ich der einzige war, der von seinem Teenagerrecht, betrunken zu sein, keinen Gebrauch machen wollte. Die, welche als erste unter den Tischen lagen, waren ohnehin nie nett zu mir, und denen wollte ich auch dann nicht folgen, als es meine Freunde schon längst taten.
Gruppenzwang: Wer sich ihm verwehrt, zahlt dafür sein Leben lang mit Ausgrenzung. Auch von innen.

Dennoch: Die Massen zogen mich regelmässig in ihren Bann, und auch an jenen Abenden war es so, als ich im dritten Stock saß, mit baumelnden Beinen zwischen den Geländerstreben: Der maunzende König der Löwen mit Ausblick auf ein Reich, das so weit reichte, wie die Balkongeländer es nicht verdeckten.
Tief unter mir wogte die brodelnden Menge, von der ich gerne ein Teil gewesen wäre, die aber nur aus der Entfernung wirklich sicher war. Und irgendwann, in einem Jahr, kam auch meine beste Freundin und setzte sich neben mich. Wir waren gemeinsam einsam, dort oben, wo kein anderer Schüler hinkam, und sprachen und schwiegen, über unsere Sorgen, Probleme und die ersten Lieben. Eine der schönsten Erinnerungen aus dieser Zeit.
Shimbayasa. Hakuna matata.

An meinem ambivalenten Gefühl zu Discos hat sich nicht viel geändert, denn selbst heute fühle ich mich in verborgene Ecken noch am wohlsten. Am Rand, hinter einem Geländer, auf Treppen oder einer breiten, weichen Couch. Dort kann ich den Überblick bewahren und die Stimmung in mich aufsaugen, wie ein kleiner Discoschwamm, ohne wirklich in der Menge baden zu müssen.
Doch eigentlich, wenn ich ehrlich bin, sitze ich nicht gerne allein. Immer hoffe ich, dass jemand zu mir kommt und mit mir seine Sorgen teilt, seine Probleme oder seine Liebe. Und jedes mal, wenn es nicht passiert, dehnt sich die Einsamkeit auf Kontinentengröße.
Und das ist gefährlich, denn irgendwann ist die Gewöhnung so groß, dass man sich mit ihr fast ein wenig gefällt, sie geduldig zwischen den Fingern knetet, bis sie weich ist und zart und man sie in den Hosentaschen nach Hause trägt.

Mir fehlt manchmal der Punkt, an dem ich weiß, wann ich die Sachen packen sollte, um nicht völlig im Selbstmitleid zu versinken. Statt dessen fallen mir die besten Texte ein, mit denen ich jeden A-Tagebuchschreiber in Grund und Boden jammern könnte.
Und später im Internet-Cafe ist alles weg. Die Hände genauso leer wie der Kopf, und alles, was bleibt, ist die Rekonstruktion von Gefühlen und der hilflose Versuch, vor Textende den Bogen noch zu kriegen.

Manchmal kann das aber nicht gelingen, und nicht jeder Text verdient einen lustigen Schluss.
Vielleicht beim nächsten Mal wieder und für heute nur einen Kuss. ;-)

<3

* irgendwo im Sperrbezirk

** Uebrigens auch so ein Ding, das nicht so richtig mit mir will.

*** Tatsächlich habe ich vor meinem 25. Geburtstag keinen Tropfen Alkohol angerührt.

 
 


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