YouTube Twitter Facebook RSS-Feed

Kennst Du meine Videos auf ?

Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
22. Juni 2008 / 08:30
OZ (WA): June 22, 2008 / 14:30

Baden im eigenen Saft

Es gibt Dinge, die miteinander nicht funktionieren. Ich und Discos zum Beispiel.

Während der Schulzeit gehörten zwei Veranstaltungen zu den wichtigsten Ereignissen des Jahres: Der Herbst- und der Fastnachtsball. Wie alle Schüler fieberte ich den beiden schon Monate vorher entgegen.
Die Bälle hatten etwas magisches, da sie unser schulisches Umfeld innerhalb weniger Stunden in eine Märchenlandschaft aus bunt beleuchteten Gassen, hohen schwarzen Räumen mit blitzenden Lichtern und drehendem Schmuck an der schwarz verhängten Decke verzauberten. Horden von Schülern verschiedenen Alters stürmten ab dem frühen Abend die riesige Aula und füllten schon wenig später die Erweiterungen im Musiksaal, den kleinen Technoraum in der zweiten Etage und den langen, in Schwarzlicht getauchten Gang, der die Gebäudeteile miteinander verband.

Da die zweite und dritte Etage mit schweren Bänken unpassierbar gemacht worden war, drängten sich viel mehr Schüler im Erdgeschoss als morgens in der großen Pause. Dort pendelten sie zwischen zwei Polen: Der langen Bar, an der, wer alt genug war, Alkohol erhielt, und, etwas versteckt in einem der hinteren Räume, das gemütliche Lehrercafe, das so hieß, weil man hier mit freundlichen Lehrern, Teelichten und Kuchen den Abend verbrachte.
Das Lehrercafe wurde nie sehr voll, denn wer auf der Schule etwas auf sich hielt, blieb in der Bar. Wer weich und nett war, ging dagegen ins Lehrercafe, denn dort war es schön.

Während sich im Laufe des Abends immer mehr meiner Freunde auf die Tanzfläche in der Aula verzogen, um dort für Rosis Nummer* die Hüften zu schwingen, erschlich ich mir den Weg in den verbotenen Bereich.
Es war nicht leicht, an der Schülerpolizei vorbeizukommen, die mit Argusaugen die verbarrikadierten Treppen patrolierte. Natürlich wäre es auch gefährlich gewesen, wenn sich ein Pulk angeheiterter Elftklässler Zugang zur schweren Lichtanlage verschafft hätte, welche die Deko-AG in zweitägiger Arbeit an den oberen Geländern befestigt hatte. Doch Alkohol** wurde mir erst viel später*** bekannt, und ohnehin hatte ich ganz anderes im Sinn.

Ich war nie jemand, der sich in Massen wohl fühlte. Ich tanzte nicht gerne, zumindest nicht solange jemand dabei zusah, und viele Menschen, vor allem auf Partys und Festen, wirkten auf mich bedrohlich, zu schnell und zu laut. Die Angst vor umherfliegenden Armen und Beinen war bei mir genauso ausgeprägt, wie die Furcht vor Fußbällen, und der Skrupel, die Bedenken fortzutrinken, saß dominant in meinen Genen.
Auch heute stelle ich betrunkene Freunde regelmäßig vor unlösbare Rätsel, wenn ich ihnen launisch den Umgang versage. Wahrscheinlich stammt mein Argwohn noch aus dieser Zeit, als ich der einzige war, der von seinem Teenagerrecht, betrunken zu sein, keinen Gebrauch machen wollte. Die, welche als erste unter den Tischen lagen, waren ohnehin nie nett zu mir, und denen wollte ich auch dann nicht folgen, als es meine Freunde schon längst taten.
Gruppenzwang: Wer sich ihm verwehrt, zahlt dafür sein Leben lang mit Ausgrenzung. Auch von innen.

Dennoch: Die Massen zogen mich regelmässig in ihren Bann, und auch an jenen Abenden war es so, als ich im dritten Stock saß, mit baumelnden Beinen zwischen den Geländerstreben: Der maunzende König der Löwen mit Ausblick auf ein Reich, das so weit reichte, wie die Balkongeländer es nicht verdeckten.
Tief unter mir wogte die brodelnden Menge, von der ich gerne ein Teil gewesen wäre, die aber nur aus der Entfernung wirklich sicher war. Und irgendwann, in einem Jahr, kam auch meine beste Freundin und setzte sich neben mich. Wir waren gemeinsam einsam, dort oben, wo kein anderer Schüler hinkam, und sprachen und schwiegen, über unsere Sorgen, Probleme und die ersten Lieben. Eine der schönsten Erinnerungen aus dieser Zeit.
Shimbayasa. Hakuna matata.

An meinem ambivalenten Gefühl zu Discos hat sich nicht viel geändert, denn selbst heute fühle ich mich in verborgene Ecken noch am wohlsten. Am Rand, hinter einem Geländer, auf Treppen oder einer breiten, weichen Couch. Dort kann ich den Überblick bewahren und die Stimmung in mich aufsaugen, wie ein kleiner Discoschwamm, ohne wirklich in der Menge baden zu müssen.
Doch eigentlich, wenn ich ehrlich bin, sitze ich nicht gerne allein. Immer hoffe ich, dass jemand zu mir kommt und mit mir seine Sorgen teilt, seine Probleme oder seine Liebe. Und jedes mal, wenn es nicht passiert, dehnt sich die Einsamkeit auf Kontinentengröße.
Und das ist gefährlich, denn irgendwann ist die Gewöhnung so groß, dass man sich mit ihr fast ein wenig gefällt, sie geduldig zwischen den Fingern knetet, bis sie weich ist und zart und man sie in den Hosentaschen nach Hause trägt.

Mir fehlt manchmal der Punkt, an dem ich weiß, wann ich die Sachen packen sollte, um nicht völlig im Selbstmitleid zu versinken. Statt dessen fallen mir die besten Texte ein, mit denen ich jeden A-Tagebuchschreiber in Grund und Boden jammern könnte.
Und später im Internet-Cafe ist alles weg. Die Hände genauso leer wie der Kopf, und alles, was bleibt, ist die Rekonstruktion von Gefühlen und der hilflose Versuch, vor Textende den Bogen noch zu kriegen.

Manchmal kann das aber nicht gelingen, und nicht jeder Text verdient einen lustigen Schluss.
Vielleicht beim nächsten Mal wieder und für heute nur einen Kuss. ;-)

<3

* irgendwo im Sperrbezirk

** Uebrigens auch so ein Ding, das nicht so richtig mit mir will.

*** Tatsächlich habe ich vor meinem 25. Geburtstag keinen Tropfen Alkohol angerührt.

 
 

20 Reaktionen zu Baden im eigenen Saft

  1. Basti

    Ein Kopfnicker also? Sollte man nicht mal ein psychologisches Profil von Discogängern erstellen? Und ich dachte du bist der Mann welcher eher in den Dunkelen Matratzenbodigen Räumen seinen "Discoabend" verbringt! Egal, um den emotinonalen Anteil deines Beitrages zu würdigen bin ich fast bemüht zu behaupten, das gerade Blogs (Welches ja die Digitale Form von unpersönlichen Tagebüchern sind) sich dazu eignen seinen Privaten Seelenmüll abzuladen oder Vergangenheitsbewältigung zu absolvieren! Letztendlich ist es egal, ich würde von solchem Privaten Einblicken sicherlich eher Abstand nehmen, aber ich bin ja bekanntlich auch ein fast Manly Man und die machen sowas eher nicht!

  2. Thomas Kiwispotter

    Ich habe Katja eben gefragt, wie meine Schulpartys waren. Nach ihr war ich entweder nie da oder besoffen. Es ist schlimm, aber ich kann mich wirklich kaum dran erinnern. Bis an eine vielleicht, aber da hab ich sie auch kennen gelernt.

    Heute hat sich eigentlich kaum was geändert. Doch, ich tanze mehr. Das aber auch nur wenn ich in einer anständigen Discothek bin wo Punk, Gothic, Metal oder ähnliches läuft. Sonst ist es meistens langweilig, man hört die Leute nicht oder ich finde die glitzernde Welt der bunten Lichter interessanter. Und falls ich rede dann sehr viel und solange bis die Opfer einknicken und gehen.

    Aber warum schreibe ich das... achso um zu unterstreichen, warum ich anstatt anderen Menschen zuzuhören lieber selbst rede bis sie gehen. Hallo? noch jemand da? Oh, keina! (um auch mal tief zu reimen ;) )

  3. The Exit

    Ich finde, es ist kein Makel, Großtanzveranstaltungen nicht zu mögen. Im Gegenteil!

    Was das Texten angeht: Ich bin früher mal dazu übergegangen manchen Text auf Papier zu notieren, wenn ich gerade von der Muse geküsst war und in einem Café saß, oder im Zug durch die Gegend fuhr. Ich glaube fast, das sind die besten Texte, die ich schrieb.

    Aber ich habe sie nie abgetippt.

  4. Bellerophon

    Also ich mag Discos. So lange sie nicht zu voll und zu verraucht sind, die Musik zu laut und die Menschen zu unhöflich. Aber eigentlich tue ich das nur, weil ich es mag mit dem A* zu wakeln zu tanzen. :P

  5. The Exit

    Und wie der Herr Bellerohphon mit dem Arsch wackeln kann. Meine Güte! Da will man ihm sofort die Kleider vom Leib reißen.

  6. r|ob

    Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, in denen ich wie ein Verrückter in die Disco rannte, um dort 10 min. abzuhoppeln und dann wieder nach Hause rannte, um pünktlich zum Abendessen zu sein... Heute könnte ich lediglich im Treppenliftertempo zur Ü30 Party zuckeln - wenn ich denn wollte. Aber ein- bis zweimal überkommt es mich dann doch und die (noch nicht künstliche) Hüfte bewegt sich taktvoll zur dröhnenden Musik. Ich muss nur noch eine Disco finden, in der die Leute nicht vermuten, ich käme, um dort sterben zu wollen...

    Und damit hat auch dieser Kommentar keinen lustigen Schluss.

    Und danke für den privaten Einblick...

  7. It’s a party and I cry if I want to | BatzLog - Noch etwas Salz?

    [...] war gestern mal wieder in der Disco und hat danach DIESEN TEXT geschrieben, den ich nur zu gut nachvollziehen kann, denn mir geht es ziemlich ähnlich. Vielleicht [...]

  8. Clamix

    Danke, dass dieser Artikel ist wie er ist und keinen lustigen Schluss aufgesetzt bekam!

  9. Martin von der Dü(h)ne

    Tja, von damals zu heute hat sich an Deiner einstigen Schule nicht so viel geändert, außer, dass es kein Lehrercafé mehr gibt und die neue Sportart des vorheizenden Kampftrinkens in Mode gekommen ist. Obwohl, das gab es teilweise vielleicht schon früher. Was mir früher nie so aufgefiel, ist, dass eigentlich jetzt ständig was los ist an den Wochenenden, selbst mitten in der Pampa.
    Da ich allerdings auch nicht so der Discotyp bin, kann es auch sein, dass ich früher nur nie darauf geachtet habe.

  10. Tim

    Danke! Ich habe zuvor noch nie einen guten Artikel zu diesem Thema gelesen. Ich gehöre leider auch in eine Kampftrinkergeneration - es gibt kaum jemanden, der nicht jede Woche mindestens einmal sturzbetrunken ist. Ich fühle mich in Discotheken auch unglaublich verloren und fremd (klingt das jetzt nach Sorgentelefon?). In Deutschland habe ich das alles garnicht so mitbekommen, aber hier in Australien fällt es mir auch so ungeheuer stark auf. Alles scheint sich nur ums Trinken und um Parties zu drehen. Nicht meine Welt, die Dorffeste, die überlauten und überteuerten Discos. Wenn ich das nächste mal dämliche Blicke ernte und mich rechtfertigen soll, wenn ich sage, dass ich nicht mit in die Disco gehe, dann weiß ich zumindest, dass ich nicht der einzige bin, der sich dort unwohl fühlt. Dann bleibe ich halt "langweilig", weil ich lieber lese oder spazieren gehe!

  11. asaaki

    diese melancholie, dieser seelenschmerz.

    ich glaube, ich ergötze mich -- ohne wirkliche freude -- an diesen momenten. sauge sie in mir auf. lebe und fühle mit. denn das sind ohnehin die besseren geschichten, besser als jeder actionfilm oder jede liebesschnulze.

    Ich muss nur noch eine Disco finden, in der die Leute nicht vermuten, ich käme, um dort sterben zu wollen…

    r|ob, und sowas als berliner... und überhaupt solche gedanken!

    doch nun könnte ich da einstimmen, nach einem viertel jahrhundert -- es klingt wirklich wie eine ewigkeit ... -- beginnt auch das junge gemüse mich allmählich anzuschauen, als wenn ich vor mich hinfaule. als wenn ich schon die maden anziehe, die mehr und mehr nach mir lechzen.

    es gab eine zeit, da wurde man(n) äußerlich gebrandmarkt. ich befürchte, solche zeiten könnten wiederkommen. vor meinem geistigen auge schwebt ein auf der spitze stehendes dreieck, darin "20 " und ein totenkopf, die farbe ist giftgrün oder neongelb, irgendwas auffälliges, irgendwas abwehrendes.

    für einige ein fluch, für jene, die schon in frühester kindheit sich vom direkten kontakt der massen fernhielten, ein segen. in den discotheken werden sie im schatten verschwinden, die fahlen gesichter erahnend, auf jedenfall eine traube von gefährlich leuchtenden winkeln an der bar, in der lounge, in jedem düsteren bereich.

    die zukunft?

    tja, ab zwanzig ist dann wohl echt schluss mit lustig ...

  12. asaaki

    [der zwanzig in klammern fehlt das pluszeichen, wurde ganz böse geschluckt!!!]

  13. @Kiwispotter: Vielleicht, wenn in den Discos mehr meine Musik liefe, wuerde ich es wohl auch irgendwann mit dem Tanzen versuchen, aber so ist es einfach nicht mein Rythmus :-/
    Und irgendwie sind Discos so unkommunikativ. Zum Abschleppen prima geeignet, aber darueber hinaus? Viel zu laut.. Wie schaffst Du es da ueberhaupt so viel zu reden ohne heiser zu werden?

    @The Exit: Ich mache das mit dem Notizbuechlein manchmal zwar auch, aber ganz ehrlich: Ich schreibe nicht gerne auf Papier..

    @Bellerophon: Du bist ja auch noch jung und unverbraucht. Komm mal in mein Alter :))

    @The Exit: Ich muss Euch beiden wohl mal eine stille Ecke hier im Blog reservieren ;))

    @rob: Das ist aber bestimmt auch in jeder Disco anders, oder? Gerade in Berlin sind die Tanzschuppen so strikt nach Geschmaeckern getrennt, dass einem schwindelig wird. Als ich noch in Karlsruhe wohnte, war alles bunt gemischt. Da gabe es wegen der diversen Altersunterschiede manchmal Sticheleien, aber im Grunde blieb man friedlich miteinander...

    @Clamix: Ich haette ihm einen gegeben, wenn mir einer eingefallen waere. Grosses Drama braucht Humor. Aber es war ja auch nur kleines Drama...

    @Martin: Ich mochte die Baelle wirklich, und vor allem das Lehrercafe. Was ich nicht mochte, waren die Aufloesungserscheinungen zum Ballende. (Zumal der Rektor die gut gelaunten Gaeste um 12 oder um 1 gerne persoenlich hinauskomplimentierte).
    Aber taeusche Dich nicht beim Alkohol: Auch damals schon gab es Grabenkaempfe um das Thema. Mein Eindruck ist, dass die Eskalation erst mit den Verboten und der strengen Kontrolle beginnt...

    @Tim: Ich faende Partys gar nicht schlimm, wenn sie mehr nach meinem Geschmack waeren :))
    Nur der Alkohol macht eigentlich fast immer alles kaputt. Warum, weiss ich gar nicht so genau. Ich war ja schliesslich auch schon betrunken und fand das dann auch gar nicht so wild. Aber irgendwie wirken andere Betrunkene auf mich ... unmenschlich.

    @asaaki: Ich erinnere mich ans Sommercamp, und dort war die Atmosphaere auch meistens gut, trotz mancher Umtruenke. Aber dort fehlte auch die Aggression, die viele Discos auszeichnen..
    Ich finde Robs Gedanken zu dem Thema uebrigens sehr sehr gut nachvollziehbar, und sie haben mich ehrlich gesagt ein wenig traurig gemacht...
    Allerdings war eigentlich nie die 20 das grosse schlimme loch, sondern die 30...
    (ueber die ich ja auch schon hinaus bin, hihi)

  14. The Exit

    Was sollen wir denn in der Ecke tun?

  15. @The Exit: Das ueberlasse ich ganz alleine Euch! :)

  16. The Exit

    Ich fühle mich jetzt wie in der Schule, wo man auch gerne in die Ecke gestellt wurde.

  17. Thomas Kiwispotter

    @manniac:
    Heiser? Also dafür brauchts lange. Und wenn ich soviel ohne Rücksicht rede, merk ichs eh nicht ;) Und was Tanzen und Musik angeht, so sind das 2 Gründe weswegen ich lieber Spartenclubs gegenüber Großraumdiscos bevorzugen.

  18. asaaki liest manniac | aether

    [...] baden im eigenen saft - blogoff.de verschlagwortet mit: asaaki liest, blogoff.de, manniac [...]

  19. asaaki liest manniac | emblog

    [...] hier geht's zum hörbaren beitrag, und hier ist der text dazu. [...]

  20. Asaaki liest Manniac « BLOG OFF!

    [...] kann nicht nur Volleyballspiele kommentieren, sondern liest auch Texte vor. Zum Beispiel aus meinen Jugenderinnerungen. Und das macht er sehr gut. TrackBack URI 0 [...]


Nachfolgebeitrag:
Vorgängerbeitrag:

powdered by wordpress and manniac.de and Bilder Blog (cc-by-nc-sa) 2007