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18. Dezember 2007 / 20:00
Thailand: December 19, / 2007 02:00

THAILAND-REISE

Schaukeln Richtung Süden

Ich sitze auf der Sonnenseite. Hinter mir auf dem schattigen Rücksitz räkelt sich Mic und genießt eine eigenwillige Massage. Der Bus von Chiang Mai nach Sukhothai hüpft wie ein junger Wackelpeter, meine Vordersitze pendeln zwischen Knie und der Senkrechtlage.
Auf dem Landweg ins ferne Bangkok haben wir beschlossen, einen Nachmittag in den Ruinen von Sukhothai tief in die Seele des mysthischen und religiösen Thailands einzutauchen.

Wat Maha That

Sukhothai gibt es in zwei Geschmäckern: Alt und Neu. Interessant für uns ist nur das Alte, denn das bietet Tempelanlagen des früheren Königreichs aus dem 13. und 14. Jahrhundert und viele großartige Buddha-Statuen. Die Übernachtung vor Ort ist luxuriös: Ein Zimmer mit zwei Betten im Thai-Stil direkt an an einem kleinen Fluss und mit viel Atmosphäre. Wir zahlen zusammen 12 Euro.

Hotel in Sukhothai

Am nächsten morgen bringt uns eine Art Riesen-Tuk Tuk zum Historischen Park (20 Cent). Von dort aus geht’s weiter per Rad (40 Cent Tagesleihe).
Die Anlage ist rund 2 auf 2 km groß und über unzählige Radwege gut zu erschließen. Etwas nervig ist die immer häufiger anzutreffende Unterscheidung der Eintrittpreise in Thais und Ausländer, aber selbst für Ausländer ist es noch zum Spotten billig. Die Tempel-Anlagen sind eingebettet in gepflegte Gartenlandschaften – nichts erinnert an den dichten Dschungel, der hier früher wuchs. Zwar waren die wild überwucherten Gebäude schon Anfang des letzten Jahrhunderts bekannt, eine große Säuberung und Renovierung der Anlagen wurde jedoch erst 1976 beschlossen. Seit 1988 ist der Park geöffnet und steht seit 1991 unter dem besonderen Schutz der UNESCO.

Wat Maha That

Das Wetter, das hier viel heißer ist, als im Norden, macht mir zu schaffen, und so brechen wir unsere Rad-Tour nach 3 Stunden ab, um uns im historischen Museum über die verschiedenen Darstellungen des Buddhas zu informieren. Tatsächlich ist es spannend zu sehen, wie sich der Buddha über die Jahrhunderte verändert hat. Mal schaut er ernst, mal lächelt er, mal ist er ausgeprägt maskulin, mal eher androgyn, mal dünner, mal dicker, mal golden, mal schwarz, grün, weiß oder aus Stein. Weit verbreitet ist auch die Sitte, den Buddha mit kleinen Stücken Blattgold partiell zu verzieren, wobei das Gold dann nur hälftig angeklebt im Wind flattert und der Figur bisweilen den Eindruck eines gerupften Goldhuhns verleiht. Wenn man bedenkt, dass dies nur die thailändischen Variationen mit gelegentlichen indischen Einflüsse sind, ahnt man die weltweite Spannbreite der über-menschlichen Abbilder des Gautama Buddha, dessen Lehren doch eigentlich gar nicht dazu gedacht waren, das Götzenbild zu erschaffen, das man heute den “Erleuchteten” nennt.

Phra Achana im Wat Si Chum

Goldfolie auf den Fingerspitzen von Phra Achana im Wat Si Chum und mir

Buddha in Phitsanulok

Zum Tagesabschluss essen wir in einem Straßencafé – Mic bestellt etwas für mich, was er mir vorher übersetzt hat. Ich bekomme natürlich etwas ganz anderes und bestelle zur Sicherheit etwas Neues hinterher … und bekomme wieder etwas, das ich eigentlich nicht wollte. Diesmal ess ich es aber.
Als wir am Abend den Bus nach Phitsanulok (“Pizzanulock” mit ein bisschen Thai-Singsang) nehmen, geht es auf einmal ganz schnell: Beim Anheben des 20-Kilo-Rucksacks bricht mir Schweiß von der Stirn. Dann im Bus schießen dumpfe Schmerzen in meine Glieder – ich nehme einige Tabletten Kalzium zu mir und Isoprofen, doch es nützt nichts: Am Ziel, eine Stunde später, falle ich erschöpft auf das große Hotelbett. Es ist zwar erst 8, doch auf den Beinen halten kann ich mich keine Sekunde länger. Der Schlaf ist unruhig: Alle 5 Minuten werde ich wach, ich schwitze stark, habe Durst oder muß zum Erbrechen auf die Toilette. Beim Aufstehen kann ich mich kaum auf den Beinen halten: Mir ist schwindelig und sobald ich das wärmende Bett verlasse, packt mich der Schüttelfrost. Gegen Mitternacht kollabiere ich im Bad und wache erst einige Minuten später mit schmerzender Seite auf dem Toilettensitz wieder auf. Premiere. Den Rest der Nacht traue ich mich nicht mehr aus dem Bett – und auch Mic schläft aus Sorge um mich nicht wirklich gut.

Als ich gegen Morgen aufwache, ist das Schlimmste überstanden. Genauso schnell wie es kam, war es auch wieder weg. Ich überlege zunächst, doch noch einen Tag länger zu bleiben, um mich auszukurieren, doch es steht eh nur ein kleiner Tempelbesuch auf dem Plan. Wir gehen den Tag langsam an. Um 15 Uhr geht der Zug nach Bangkok.

Aus dem Fenster des Express-Zugs

Wieder bin ich auf der Sonnenseite. Dafür habe ich scheinbar Talent. Es ist viertel vor vier, und die Sonne knallt heiß auf die Gardinen. Hinter den Fenstern fliegt eine ockergelbe Landschaft aus Reisfeldern und kleinen Siedlungen vorbei – der Express-Zugs hält an jeder dritten Gieskanne. Mir ist immer noch ein bisschen schwindelig, mein ganzer Magen rockt – beinahe möchte ich schreiben: Er dreht sich dem Nirvana entgegen, keine Wiedergeburt mehr, bitte.
Der Wagon ist auf altem deutschen D-Zuh-Niveau, und er hat eines, was die deutsche Bahn nicht hat: Viele Steckdosen und Platz-Service mit kostenlosen Getränken. Die meiste Zeit der Fahrt verbringe ich tippend am Laptop. Hin und wieder nippe ich an meiner Wasserflasche, um nichts Schlimmes zu provozieren.

Punkt 21:05 Uhr erreichen wir Bangkoks Hauptbahnhof. Mic und mein Weg trennt sich an dieser Stelle, da ich im Hostel übernachte und er bei seinen Eltern. Ich erwäge den unvermeidbaren und penetranten Taxifahrern den Inhalt meines Magens zu zeigen, aber der ist leer, es bleibt bei meinem grimmigen Blick. Schnell verschwinde ich in der Metro und steige in eine natürlich unterkühlte Bahn.
Während ich mich auf den blauen Sitzen niederlasse und auf das Bett freue, füllt sich die Bahn mit weiteren frierenden Touristen, und ich frage mich, ob sie auch gerade dem Erfinder der Klimaanlage die Pest an den Hals wünschen, und welchen Einfluss Millionen von Energiesparlampen in einem Land auf das Weltklima haben, wenn gleichzeitig Millionen von Klimaanlagen auf Volllast laufen.

Floating Market

Die folgenden zwei Tage in Bangkok widme ich fast ausschließlich der Entspannung, liege im Hostelzimmer, um die leichte Grippe, die aus meiner Lebensmittelvergiftung hervorgegangen ist, auszukurieren und beantworte Mails, regle Dinge, quatsche mit anderen Reisenden.
Am Samstag fahre ich mit Mic, zwei Freunden und deren kleinen Tochter auf einen der berühmten Floating Markets, etwas außerhalb Bangkoks. Der Market, der aus einer Brücke, einem Fluss und einer Hand voll kleiner Handelsboote besteht ist eher enttäuschend und die Fahrt nur bedingt wert – Spaß dagegen macht die Begegnung mit den beiden Freunden und dem kleinen Kind, das wohl zum ersten Mal im Leben einen Europäer gesehen hat und während der anderthalbstündigen Autofahrt für keine Sekunde den Blick von mir lässt. Ähnlich muss es den Jungs und Mädchen in dem Hafenstädchen ergangen sein, in dem wir zu Mittag essen. Von dem Moment an, als ich aus dem Wagen steige, bin ich die 1,90m große Attraktion einer Gruppe 16-jähriger, die wissen wollen, warum ich so riesig bin, und ob ich dann in meiner Heimat immer der Boss sei. Ich behaupte, das sei ich, was sie beeindruckt.

Fluss

Erst am Montag morgen, wenige Stunden vor meinem Flug nach Phuket, mache ich mich ein letztes Mal auf, den Königspalast und den Emerald Buddha zu besichtigen – beide hatte ich bei meinem ersten Besuche verpasst, da sie wegen des Königsgeburtstags für Ausländer geschlossen waren. Es war eine weise Entscheidung noch einmal hinzugehen, denn die Anlagen übertreffen selbst die bisher gesehenen Tempel optisch um ein Vielfaches. Lediglich der Emerald Buddha erweist sich als kleine visuelle Enttäuschung: Aufgetürmt auf einem guten Dutzend Schreinen, Glas- und Plastikkästen und unter einem saisonalen Kleidchen sitzt die winzige Figur weit weg von den Besuchern. Fotografieren und Füße zum Buddha hinstrecken sind strengstens verboten.
Beeindruckend sind dagegen die Stationen am Königspalast – zum Beispiel die Halle, in der 1946 der Königs gekrönt wurde, und die ich natürlich sofort von den vielen Fotografien erkenne. Auch hier jedoch leider Fotografieverbot, über das ich mich aber arrogant hinwegsetze (blöd nur, das das Bild völlig verwackelt ist).

Großer Palast

Chakri Mahaprasad Hall

Manfred vor Chedi

Meine Fahrt zum Flughafen wäre eigentlich schon fast einen eigenen Rant-Beitrag wert – aber ich hatte mich ja schon einmal über das katastrophale Verkehrswesen in Bangkok ausgelassen.
Die Probleme fangen schon damit an, dass keine Fluggesellschaft klar und deutlich angibt, ob sie nun vom alten Flughafen abfliegt oder vom neuen. Dieses Problem kann ich noch mit Hilfe der Hostel-Mitarbeiter lösen, die mir auch den Tipp geben, mit dem speziellen Airport-Express-Bus zu fahren, der praktischerweise direkt nebenan von der dreispurigen Hauptstraße abfährt. Als ich durchgeschwitzt und keuchend meinen Rucksack zur Bushaltestelle schleppe, sehe ich den Bus schon von weitem auf der äußersten Überholspur. Die Straße ist ungewöhnlich leer, die Haltestelle einigermaßen deutlich ausgeschildert. Damit er mich trotzdem nicht übersieht, fange ich an, auf mich aufmerksam zu machen. Ich stelle meine Tasche auf den Boden und wedele mit dem Arm. Als der Bus nicht abbremst, nehme ich den zweiten Arm dazu. Der Bus nimmt Fahrt auf und ich halte die Arme hoch wedelnd über den Kopf. Ich mache ein paar Schritte auf die Straße und hüpfe und springe und fluche, als er in voller Fahrt an mir vorbeizieht.
Hatte er mich wirklich nicht gesehen? Möglich wäre es, der Verkehr in Bangkok ist schon ziemlich verwirrend, wenn nichts los ist.
Der nächste Bus kommt in 30 Minuten, ich habe noch Zeit und beschließe zu warten. Nach 5 Minuten steht ein Mädchen neben mir, eingehakt im Arm einer Freundin, beide bekleidet mit gelben Arbeitsklamotten. Sie fragt in relativ gutem Englisch, ob ich Hilfe benötige. Ich erkläre, dass ich zum Flughafen will und erkläre mein Missgeschick von eben. Sie tröstet mich mit einem bedauerndem Blick und schlägt ein Taxi vor, oder den SkyTrain+Bus. Ich erkäre, dass ich erst mal auf den nächsten Bus warten möchte, und sie nickt; ihre Freundin steht scheu im Hintergrund und nickt auch.

Thai Script

Dann will sie wissen, wie ich heiße und wie alt ich bin. Ich sage es ihr. Ohh, ohh, much younger! You look much younger!. Dann schlägt sie noch einmal den SkyTrain vor und macht mir weitere Komplimente. Wir betreiben Smalltalk. Sie bedauert, dass dies mein letzter Tag in Bangkok ist und ihre Freundin im Hintergrund pflichtet dem bei. Noch einmal fragt sie nach meinem Namen – der ist aber auch nicht einfach. Ich zeige ihr die Umschrift in Thai, die Mic vor ein paar Tagen für mich angefertigt hat und sie ist begeistert. Dann fragt sie mich nach dem Thai-Mädchen, welches den Namen für mich geschrieben habe und ich erwäge die Lüge von einem boy-friend, sage dann aber nur, dass es ein Junge gewesen sei. Sie ist erleichtert. Dann schnappt sie einen Stift und gibt mir ihre Mailadresse. Nur so. Falls ich mal Lust hätte, ihr zu schreiben. Ich erwäge noch einmal diese Lüge mit dem boy-friend, aber ich bedanke mich nur höflich. Ich habe nicht vor, ihr zu schreiben. Mir geht selbst das Gespräch hier am Straßenrand eigentlich schon zu weit. Andererseits scheinen sie wirklich bemüht zu sein, mir zu helfen. Als nach rund 40 Minuten der nächste Bus noch nicht in Sichtweite ist und die Zeit langsam beginnt, knapp zu werden, entscheide ich mich doch, ihrem Vorschlag zu folgen. Wir gehen gemeinsam zum SkyTrain und fahren zur Endstation. Dort angekommen, leiten mich die beiden professionell zum Busterminal und winken den richtigen Bus herbei. Ich bin völlig verwirrt über so viel Fürsorge und die Zeit, die sie sich für mich genommen haben – die beiden hatten von mir ja nichts zu erwarten – und dass die Richtung in die wir fuhren korrekt war, konnte ich an meiner eigenen Karte sehen. Anscheinend war es mein typisch deutsches Misstrauen, gepaart mit vielen unvermeidlichen Vorurteilen, die mich davon abgehalten haben, ohne dreifachen Gegencheck Hilfe von freundlichen Passanten anzunehmen. Was einerseits nötig erscheint, muss andererseits nicht unbedingt immer angemessen sein. Ich glaube, zum Thema Vorurteile und ihre Realität muss ich noch einen längeren Bericht schreiben … und ihr schicke ich vielleicht doch noch eine nette Mail :-)

Inzwischen sitze ich im Backpacker Hostel in Phuket Town und kuriere mein lädiertes rechtes Trommelfell, das durch die noch anhaltende Erkältung und die Dekompression beim Flug glaubt jetzt einen mittleren Hörsturz simulieren zu müssen.
Ab morgen ist auch Mic hier untergebracht, und dann werden wir entscheiden, welche der vielen Inseln wir genauer unter die Lupe nehmen. Mein Favorit ist derzeit Ko Lanta Yai – es soll billiger sein als das touristisch überlaufene Ko Phi Phi und mindestens genauso schön.

Ich halte Euch auf dem laufenden. Stay tuned!

 
 

Eine Reaktion zu Schaukeln Richtung Süden

  1. ondamaris

    sukothai (alt) [dein oberstes photo] hängt mir am schreibtisch just vis-avis und ist einer meiner zentralen bezugspunkte für meditation ...
    schön ihn hier wieder zu finden ... ach, da wär ich jetzt auch gerne ;-)
    schöne reise hast du!


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