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Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
30. Oktober 2007 / 00:20

Manchmal war früher alles besser

Ich habe Bekannte, die mich hin und wieder mit einem bekräftigendem Seufzer darüber informieren, dass in der Zeit, die sie unbestimmt mit „früher“ benennen, scheinbar und größtenteils „alles besser“ war.

Meine Bekannten, sobald sie dann von meiner Desorientierung Notiz nehmen, definieren das „früher“ als die Zeit, in der der Mensch noch Kontakt zur Gesellschaft hielt, sofern er ihn nicht nur auf den Pizza-Express von nebenan beschränkte, was ja auch eine Möglichkeit war.
„Damals“, das war, als der Mensch noch kein Internet hatte, und gerade das Glücksrad als die bedeutendste Erfindung der Aufklärung pries. Damals war, als das Wort noch gedruckt werden musste, man Seiten blätterte und nicht scrollte, und Emotionen aus Buchstaben bestanden und nicht aus kleinen gelben Smileys. Damals hatten Informationen noch Takt, die Informationsbeschaffung einen Rythmus und der Inhalt lebte von von seiner Beschaffenheit oder auch seiner Beschaffbarkeit. Wer die Zeitung verpasst oder die Nachrichten im TV, der hatte sie eben verpasst. Das lehrt Disziplin.
Meine Bekannten hängen einer Zeit nach, der sie als die Bessere gedenken, weil die Medien damals langsamer, einfacher und auf bequeme Weise netter waren – nicht so bedrohlich, verwirrend, auch nicht schamlos, mörderisch oder sexuell.

Einer dieser Bekannten, mein guter Freund Manuel, erzählte mir vor ein paar Tagen von seiner problematischen Affäre. Er hatte sie kennengelernt, und das ist auch schon die Pointe: Im Chat. Der Schmerz der dieser Information beilag – hätte ich ihn nicht schon in der Stimme vernommen oder von seinen Augen abgelesen – ich hätte ihn auch an der Vibration der Tischplatte erkannt oder am Flackern der Barbeleuchtung oder dem schneidenden Hauch Kälte, der just in diesem Moment unter der die Eingangstür hindurchwehte. Dieser Schmerz kam daher wie ein untotes Elend der frühen Neunziger Jahre: multimedial. Manuel sagt nicht, warum es schlecht war, dass er die Affäre im Chat kennengelernt hat. Er geht davon aus, dass ich das weiss. Es scheint so offensichtlich, dass ein Kennenlernen über Internet zum Scheitern verurteilt ist. Ob seine Chancen, überhaupt jemanden kennenzulernen ohne den Chat denn nicht viel geringer seien? Ja klar, aber er lerne dadurch zwar mehr Leute kennen, aber eben immer nur die falschen. Früher, als die Auswahl nicht so groß war, sei auch die Bereitschaft sich aufeinander einzulassen größer gewesen, früher… Als das Internet in Deutschland populär wurde, war Manuel 15 – aber diese Feststellung ist vielleicht ungerecht, denn soweit ich weiß chattet er erst seit 2005.

Manuel ist jetzt voll in Fahrt. Ja, das Netz böte viele Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung und Kommunikation, aber trotzdem bestünden 99% dieser Informationen aus Müll. Das Allermeiste sei irrelevant für die Menschheit, und vom verbleibenden Rest seien immer noch weniger als 1% interessant für die jeweilige Person.
Chats beschränkten sich auf die Huldigung gefälschter Identitäten, die meisten Nachrichtenseiten böten schlecht recherchierte und uninteressante Informationen, Blogger könne man als seriöse Informationsquelle ohnehin nicht ernst nehmen, und von Nachrichten, die er für wichtig hält, erfahre er ohnehin schon in Zeitungen oder in der Tagesschau.

Manuel gehört nicht zum Alten Eisen, er ist Mitte 20. Ich weiß nicht, ob Manuel jemals die FAZ gelesen hat. Ich weiß auch nicht, ob Manuel jemals etwas von oder über Frank Schirrmacher gelesen hat. Ich weiss überhaupt nicht, welche Zeitungen Manuel liest. Einmal hat er mir von einem Artikel aus der Bild-Zeitung vorgelesen. Vom Bildblog hat er gehört, von mir.
Vielleicht würde sich Manuel bestätigt fühlen, wenn ich ihm die Rede schickte, in welcher der am Samstag mit einem Du-kannst-schön-schreiben-Preis geehrte FAZ-(Mit-)Herausgeber Frank Schirrmacher die Möglichkeiten des Internets beklagt.
Aber Manuel liest schon lange keine E-Mails mehr, weil 99% aller Informationen, die diesen Weg nehmen für ihn als Person nicht relevant sind.
Dabei könnte er sich den Text ja kaufen, denn er steht auch in der Zeitung. Wahrscheinlich allerdings nur gestern. Heute muss er doch wieder ins Netz. Nur fehlt ihm dann Zeit für seine Affäre. Es ist ein Kreuz.

 
 


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