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Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
20. Oktober 2007 / 20:39

Wo ein Kläger, …

Nur zögerlich wich der Ekel aus ihrem Gesicht, in den es mein Bekenntnis versetzt hatte. In ihren Augen rangen Abscheu und Mitleid um Unterdrückung einer empörten Träne und aus dem erstickten Hals vernahm ich den trocken Klang ihrer Stimme: „Ich habe mir so etwas noch nie angesehen.“

Ich hatte es auch nicht erwartet. Sybille gehört zu den Mädchen, deren alternativer Nonkonformismus der späten Neunziger unübersehbare Hinweise darauf gab, aus welchem Haus sie kam: Feministisch erzogen war sie von Eltern, die sie mit Vornamen ansprach und die im Fahrwasser einer Bewegung aufgewachsen waren, deren Ideale sich über die Jahre wie keine andere in ihr Gegenteil verkehrt hatten.
Frei und lustvoll sollen sie gewesen sein, die Original 68er: Bis zum Rand gefüllt mit einem nach Selbstverwirklichung strebenden Enthusiasmus zogen sie auf einem Protestmarsch in eine freizügigere Zeit. Ihre Söhne und Töchter dagegen hatten sie erzogen, als gelte es, diesen Ausrutscher der Liberalität auf keinen Fall weiterzugeben.
Man kann ihnen fast keinen Vorwurf machen, denn die Baustellen und Umgehungsrouten, die sich ihnen in den Jahrzehnten darauf in den Weg stellten, waren von einem anderen Geist getragen, und zwar einem, der die sexuelle Revolution als unvereinbar mit einem anderen großen Ziel sah: Die Frauenbewegung, die eigentlich in jeder Art von Sex – selbst schwulem Sex – einen frauenfeindlichen Akt sah.

Nein, Sybille hatte sich noch nie einen Porno angesehen. Es fiel ihr sichtlich schwer zu verstehen, was mir als Mann daran so wichtig sein konnte. Als ich gestand, schon mit 15 die ersten Erotik-CDs mit Freunden getauscht zu haben, und sogar mit 12 die ersten sexuelle Erfahrungen mit dem Nachbarsjungen hatte, trat schließlich der Zustand ein, den ich oben beschrieb.
Ich hatte mich darüber geärgert, dass der Staat es den Erwachsenen so schwer macht, Pornofilme aus dem Internet zu laden. Ich hatte darauf verwiesen, dass es nach wie vor in Deutschland verboten ist, pornografisches Material, wie Filme oder Zeitschriften per Post zu versenden. Ich hatte versucht zu erklären, warum ich es für grenzenlosen Schwachsinn halte, dass der Staat es unter dem Vorwand des Jugendschutzes seinen Bürgern untersagt, Pornografie nach Lust und Laune und ohne Hürden zu genießen. Ich hatte argumentiert, dass mein Interesse an Pornografie zu keiner Zeit so groß war, wie zu der Zeit, als ich selbst noch ein Jugendlicher war. Und ich hatte hinzufügt, dass Länder mit repressiver Haltung zur Pornografie, eine ähnliche wenn nicht sogar tendenziell höhere Anzahl an Gewalt- und Sexualdelikten vorzuweisen haben, wie Ländern ohne diese Repressalien.

Karin, die neben Sybille saß und gelassen die Schaumkrone ihres Café au lait frisierte, hatte sich bisher kaum zu Wort gemeldet. Dabei war Sybille offenkundig unschlüssig, ob sie dem Gespräch noch Wesentliches hinzufügen wollte. Außerdem war ja das Unternehmen, bei dem Karin arbeitete, der eigentliche Auslöser unserer Diskussion.
Karin war Mitarbeiterin von Jugendschutz.net einer Einrichtung des staatlichen Jugendmedienschutz, die mit dem Slogan „Mehr Rücksicht auf Kinder“ wirbt, und dabei auf die Mithilfe zweifelhafter TV-Magazine wie Planetopia baut.
Einer der oft zitierten Clous von Jugendschutz.net und Planetopia ist der Fall eines 42-jährigen Pädophilen (http://kinderschutz-im.lycos-chat.com/index.php?SIT=1200&SID= gelöscht), der durch eine Chat-Verabredung mit einem minderjährigen Mädchen überführt werden konnte. Dabei hatten sich Mitarbeiter von Planetopia im Chat als minderjährig (z.B. mit Namen wie Lea13) ausgegeben und einen Treffen mit dem Pädophilen zugestimmt. Karin hatte mir erzählt, dass sie an einer ähnlichen Aktion beteiligt war, in der sie unter Falschangabe ihres Alters verschiedene Chats auf Kindersicherheit überprüfen sollte. Ihre Schilderungen waren alarmierend: In einigen Fälle hätten Chatter versucht, sie sexuell zu belästigen und seien dabei sehr explizit geworden.
Meinen Einwand, dass es doch zumindest fragwürdig sei, davon auszugehen, dass jemand, der im Chat eine gesichtslose 13-jährige anbaggert, dieses auch in der Realität tun würde, ließ sie aber genauso wenig gelten, wie meine Anmerkung, dass vorgetäuschte Minderjährigkeit mit dem Ziel einen Pädosexuellen zu überführen, einer Anstiftung zu einer Straftat gleichkommt, und zwar um so mehr, da eine echte Minderjährige in anderer Weise auf Abaggerversuche reagieren würde als ein Erwachsener, der genau dies versucht herbeizuführen.
Mein Hauptkritikpunkt war aber, dass die Arbeit von Jugendschutz.net gar nicht dazu führt, dass Kinder seltener zu Opfern von Sexual- oder Gewaltverbrechen werden, sondern dass vielmehr eine wichtige neue Möglichkeit leidet, wie Jugendliche unbefangen mehr über ihre eigene Sexualität lernen können: Und zwar im Chat mit Gleichaltrigen.

Es ist eine gerne verdrängte Tatsache, dass 70% bis 90% der sexuellen Übergriffe auf Kinder nicht auf Schulhöfen, nicht im Internet, nicht durch Fremde, sondern durch Mitglieder der eigenen Familie oder des Bekanntenkreises stattfinden. Dennoch, und das ist das Problem mit dem Jugendschutz: Aus einem irrational übertriebenen Sicherheitsbedürfnis heraus glauben manche Menschen, es sei notwendig, einen Großteil der Freiheiten und Möglichkeiten in unserer Gesellschaft einzuschränken, damit auch die letzten Prozente einer ohnehin vergleichsweise geringe Gefahr eliminiert werden, während tatsächliche und viel größere Gefahren weiter bestehen bleiben oder dadurch erst verursacht werden. Schäuble-eske Ambitionen also auch im Kinderzimmer, und zwar am liebsten mit Methoden, die gar nicht so weit entfernt sind von Ursula von der Leyens viel gescholtenen Kinderspitzeln.
Wohlgemerkt: Könnte man die Gefahr von sexueller Belästigung von Kindern und Jugendlichen, die von Internet-Chats ausgehen, ohne Einschränkungen an anderer Stelle bis auf Null minimieren, würde ich das sehr begrüßen. Tatsächlich sieht es aber so aus, dass der Gesetzgeber den Jugendlichen immer weniger Möglichkeiten gibt, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen – jedenfalls nicht, ohne ihnen den Eindruck zu vermitteln, dass sie kriminelle Handlungen begehen. Welchen anderen Eindruck könnte ein 15-jähriger Junge haben, wenn er gesagt bekommt, dass die Latte, mit der er vor der Webcam sitzt, falsch und evtl. sogar strafbar ist?
Für nichts anderes sorgt der reißerisch-schmierige Tonfall der oben verlinkten Planetopia-Reportage, die sich vorgeblich gegen Pädophile wendet, und doch eigentlich die Jugendlichen ins Visier nimmt, und nichts anderes bestrebt auch die Jugendschutz-Behörde, bei der Karin arbeitet.

„Vielleicht beziehst Du das ganze Thema auch nur sehr auf Dich selbst“.
Der Satz saß.
Als ich mein Coming Out hatte, war ich Schüler an einem kleinen Gymnasium im Südwesten der Republik und Karin war meine beste Freundin. Von den wenigen Freunden, die ich hatte, war sie diejenige, die mein Coming Out aus nächster Nähe miterlebte.
Sie wusste, dass ich über jede Gelegenheit froh war, Gleichaltrige kennenzulernen und natürlich auch wie sehr mit das Internet dabei half.
So erstaunlich das auch klingen mag, aber andere Möglichkeiten gab es kaum – es war Ende der Neunziger, ich kannte in meinem Umfeld keine Schwulen und die Gefahr durch Offenheit von meinen Schulkameraden diskriminiert zu werden war allemal größer als die Gefahr von Perversen im Chat in einen Hinterhalt gelockt zu werden. Daran hätte sich auch nichts geändert, wäre ich damals nicht 18 gewesen, sondern erst 15 oder 16.
Wie nützlich das Internet für mich war, wusste sie also – aber der Job und das Älterwerden verändert nun einmal die Sicht der Dinge, und die war nun, dass Jugendliche bis zum 18. Geburtstag möglichst gar nicht mit Sex und Pornografie in Berührung gelangen sollten – Gleichaltrige Kontakte eingeschlossen.
„Ich habe immer noch nicht verstanden, wieso ich mir mit 15 keine Pornos ansehen darf, wenn ich mich doch dafür interessiere.“

Es waren wieder Sybilles Augen, die vorwurfsvoll den Füllstand an Emotionen anzeigten, den ich soeben bei ihr verursacht hatte.
Karin nahm noch einen tiefen Schluck aus dem Cafe au lait, ehe sie zum finalen Schlag ansetzte.
„Wenn ein Jugendlicher sich wirklich über das Verbot hinwegsetzen will, dann kann er das doch. Wo kein Kläger, da kein Richter.“

Es war die Logik, wie sie nur ein anti-autoritär erzogener Beamter äußern kann, oder jemand, dem das, was er eigentlich anstrebt vollkommen egal sind. Solange man nur die ganz persönlichen Vorurteile beruhigen kann und sich mit der Sache nicht beschäftigen muss, kann auch ein bisschen Aktionismus nicht schaden. Kollateralschaden? War das nicht eh etwas, das man nicht ernst nehmen muss?

 
 

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