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Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
15. Oktober 2007 / 03:09

Verloren in Tokio – Kaisoku, Gaijin und Toire

Narita: Ankunft am Flughafen

Das erste, was ich nach der Ankunft aufsuchte, waren die Toiletten.
Ich hatte einiges darüber gelesen, und war fest entschlossen, mein theoretisches Wissen zu vertiefen. Es war der 12. Februar 2004, ich hatte 12 Stunden Flug hinter mir und langsam musste ich dringend mal auf den Pott.

Vor einigen Jahren habe ich die Theorie aufgestellt, dass man Länder sehr gut an den Toiletten voneinander unterscheiden kann. In den prüden USA zum Beispiel klaffen zwischen den Klowänden Inch-breite Spalten und die Türen sind bis auf Toilettensex-unfreundliche Kniehöhe ausgelassen – was vermutlich aber eher den gegenteiligen Effekt hat. Als Auffangbehältnis verwendet man große Bottiche, sogenannten Tiefspüler, die zu mehr als der Hälfte mit Wasser gefüllt sind. „Damit der Amerikaner auch sieht, was für einen Teich er gemacht hat“, wie ein Freund fand. In Neuseeland – das wusste ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht – bestehen öffentliche Pissoires vollständig aus Metallplatten, über die ein beständig plätschernder Wasserschleier zum Mitmachen animiert. In England weit verbreitet sind die sogenannten Unisex-WCs, für Männer und Frauen gleichermassen geeignet, und die Sitztoiletten in Frankreich und Italien sind schon beinahe legendär. Vor kurzem erzählte mir ein Freund von seinen Erfahrungen in ländlichen Gegenden der Türkei, in denen ausgebaute Toiletten rar sind. Statt auf Papier setzt man dort auf eine Karrafe mit Öl und einen Wasserschlauch. Nach dem Toilettengang reinigt man sich zunächst mit der in Öl getauchten linken Hand und wäscht diese dann mit dem Wasserschlauch aus der Rechten.
In jedem Land, das ich bisher besucht hatte, gab es kleine, aber distinkte Unterschiede – mal waren es der in der Wand verbaute Spülkasten, mal der vorherrschende Markenname oder schlicht die Größe des Raums.
In keinem Land jedoch war der Gang zur Toire, der Toilette, so hochtechnisiert wie hier. Nirgendwo sonst gab es Toiletten, die sich über 38 Tasten drahtlosen steuern liessen. Und selbst ein vergleichsweise einfaches WC konnte für den ungeübten Touristen zum Fiasko werden. Toilettenpapier war nicht üblich, das brachte man selbst mit oder kaufte es am Automaten. Beim Eintritt empfahl es sich die bereitstehenden grünen Schlappen über die Schuhe zu ziehen. Und wer kacken musste, ging dazu in die Hocke.
Um keinen verborgenen Fettnapf zu entern, hatte ich mir die Kanjis in der Liste der wichtigsten Wörter in meinem Reiseführer sehr genau angesehen. Es gab genau drei, die ich als „überlebensnotwendig“ markiert hatte:
Mann: 男, Frau: 女 und Ausgang: 口.

High-tech Toilette
Foto: Nemo’s great uncle

Die Toiletten im Terminal 2 des Tokyo Narita International Airport müssen von umsichtigen Designern speziell für kulturgeschockte Neuankömmlinge konzipiert worden sein. „Men“ stand in großen lateinischen Lettern gleich neben der japanischen Entsprechung, die Toilettensitze folgten westlichen Standards und selbst Toilettenpapier war in ausreichenden Mengen vorhanden. Was das Tragen der grünen Schlappen anging: Hier klärten kleine Cartoons über deren Verwendung auf.
Die erste Erfahrung mit asiatischer Kultur verlief also ohne größeren Zwischenfall. Was könnte in den folgenden 6 Tagen Tokio schon noch schiefgehen?

Ich verliess den Flughafen mit einem der Kaisokus in Richtung Innenstadt. Nach mehr als 12 Stunden relativer Enge erwies sich die Fahrt in den schlichten, aber geräumigen Zügen bequemer als erwartet.
In der einbrechenden Dunkelheit erkannte ich nur wenig von der Landschaft, doch die zahlreichen Lichtpunkte, die am Fenster vorbeitaumelten, verrieten, dass wir dem Ziel näher kamen. Der Zug war nur spärlich besetzt – die wenigen Mitreisenden waren japanische Geschäftsleute oder Urlauber. Augenscheinlich war ich der einzige aus Europa. Ich, die Langnase, einen Köpf größer als jeder andere im Zug wurde mir im klaren darüber, dass ich ein Fremder war in diesem Land, ein Gaijin – als ich darüber nachdachte, musste ich grinsen.
Mir gegenüber saß ein älteres Ehepaar mit zwei großen Rollkoffer und im Sitz neben mir tippte eine rothaariger Teenager eine Textnachricht nach der nächsten. Da sie mir den Rücken zukehrte, konnte ich auf das Display sehen. Ich fragte mich, wie man aus einem 9er-Ziffernblock die Radikale für das komplexe japanische Zeichensystem bildete.
Klapphandys, das hatte ich schon am Flughafen festgestellt, waren hier der letzte Schrei.

Ein japanischer Schnellzug von innen

Die großen Bahnhöfe in Tokio sind weiß, die Ausschilderung in der Regel dreisprachig auf Japanisch, Koreanisch und Englisch, wobei man nach dem Englischen mitunter etwas genauer suchen muss. Wer es nicht findet, des Japanischen nicht mächtig ist und sich dennoch zurechtfinden möchte, geht mit den Massen, oder er stellt sich verschämt in eine Ecke und schaut hilflos. Als Gaijin wartet man selten lange, bis ein mitleidiger Tokioter zur Hilfe eilt. Dabei kann es aber schon einmal vorkommen, dass die Sprache zum Problem wird, denn obwohl viele Japaner Englisch in der Schule gelernt haben, geben sie das vor Ausländern nicht gerne zu. Bei den Älteren, die gar kein Englisch können, wird es umso problematischer, denn Hilfsbereitschaft ist trotz allem ein oberstes Gebot und das Ausschlagen davon ein heikler diplomatischer Vorgang.
Die alte Frau, die mich rätselnd vor dem japanischen Netzplan stehen sah, sprach kein Wort Englisch – umso entschlossener war sie, mir ihre Hilfe anzubieten. Eigentlich suchte ich nur den Anschluss zu meiner Endstation im Stadtinnern, wo ich die erste Nacht in einem Kapsel-Hotel verbringen wollte. Ich hatte bereits einige der Stationsnamen, die ausschliesslich in Kanji wiedergegeben waren, mit den Positionen meines englischen Stadtplans abgeglichen. „Schin-dschuku“. Ich muss es undeutlich ausgesprochen haben, denn die Frau begann in einem Teil der Karte zu suchen, der weit ausserhalb des Zentrums lag. Ich wiederholte den Namen mit variierter Intonation, doch es dauerte eine Weile, bis der Groschen fiel. Unter langgezogenen Aahs und freundlichem Nicken deutete sie schließlich in eine der vielen Richtungen, und verschwand sodann fröhlich schnatternd im gerade wieder einsetzenden Menschenstrom. Zögernd ging ich in die gezeigte Richtung los, bis ich hinter der nächsten Säule unverhofft vor der englischen Version der Karte von eben stand.

Netzplan von Tokio

Shinjuku gehört zu den zentralen Distrikten und ist Heimat vieler Geschäfte und Hotels. Als ich das Gewusel der Tokioter U-Bahn endlich unter mir liess und dem bunt-glitzernden Strassezug mit seinen zahlreichen Reklametafeln, Spielcasinos und Karaoke-Bars entgegentrat, war mir für einen Moment, als wäre ich neben Bill Murray auf dem Rücksitz eines Taxis erwacht.
Vor dem Stationsausgang scharten sich Teenager in Anzügen, Taxifahrer und Punks. Gothic Girls rauchten im grellen Schein der Neon-Lampen und ein dunstiger Schleier wehte durch die engen Gassen, die sich hier und da zwischen den schlanken hohen Gebäuden auftaten. Green Plaza Shinjuku, capsule hotel. Ich warf noch einmal einen Blick auf die Karte und lief los.

 
 

Eine Reaktion zu Verloren in Tokio – Kaisoku, Gaijin und Toire

  1. r|ob

    Ich freue mich auf die nächste Japan-Folge. In Shinjuku ist es mir passiert, dass ich während des Laufens (das stimmt wirklich) eingeschlafen bin und beim Herabsinken plötzlich aufwachte - so müde war ich bei der Ankunft, trotz der großen Aufregung endlich angekommen zu sein.

    Du hast Glück gehabt, dass man Dich in die richtige Richtung schickte, denn Japaner tun eher das, als zuzugeben, dass sie die richtige Richtung nicht kennen. Ich habe mich mal in Kyoto mit einem netten Herren in Englisch unterhalten, der auch brav nickte,lächelte und immer freundlich "yes" sagte, bis ich dann bemerkte, dass er nicht ein Wort verstanden hat.

    Übrigens glaube mir, auch meine kläglichen Versuche, mich im Japanischen zu üben endeten letztendlich stets im gestikulierendem Tanzen... ;)


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