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Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
13. Oktober 2007 / 09:30

Ich, der Detektiv

Samstag morgen

6:32 Uhr  U-Bahnhof Rosenthaler Platz. Am Bahnsteig steht ein Emo. Ich trinke den letzten Schluck aus meiner Flasche. Fritz Kola-Kaffee-Brause. 2 Minuten bis zur Bahn. Ich sehe auf das Ettiket. Pfandflasche. Wo ist der Papierkorb?

6:33 Uhr  Vorsichtig lege ich die leere Flasche in den Metall-Eimer. Der Boden ist mit einer Flüssigkeit benetzt. Zwischen den durchweichten Papierfetzen entdecke ich eine lederne Falz. Ich ziehe eine Brieftasche aus dem Siph.

6:35 Uhr  In der Bahn öffne ich vorsichtig das klamme Portemonaie. Es enthält mehrere Zettel, eine zerbrochene Karte, Personalausweis. Kein Geld. Ich sehe mir einen der Zettel genauer an. Es ist das Übergabeprotokoll einer Wohnung. Der Perso verrät das Übliche: R., männlich, gerade 18, geboren in Freiburg, zugezogen nach Berlin. Ich werde ihn googeln. Brieftaschendiebstahl: Sowas von asozial. Ich bin sauer.

6:45 Uhr  Mache mir Gedanken, was ich ihm schreibe. Irgendwas aufmunterndes.

7:04 Uhr  Zuhause angekommen, ich starte den Rechner. Leere den Geldbeutel und hänge ihn zum Trocknen auf.

7:08 Uhr  Ich sehe mir den Ausweis noch einmal genau an. Die Adresse steht drauf, aber sie ist wohl veraltet. Er ist in schlechter Form: Das Plastik ist stark geknickt und weist kleine Risse auf. Ich frage mich, was der Dieb damit bezweckt hat. Oder war er es gar nicht?

7:09 Uhr  Ich starte Google und tippe den Namen ein.

7:13 Uhr  Die Ergebnisse sind nicht zielführend. Ich experimentiere mit der Strasse.

7:16 Uhr  Noch immer keine Ergebnisse.
Ich greife zum Äußersten und starte MSN LIVE.

7:17 Uhr  LIVE sucks.

7:18 Uhr  Ich beschäftige mich näher mit den Inhalten der Brieftasche. Vielleicht finde ich eine Nummer oder Mail-Adresse.

7:19 Uhr  Ein Arzt-Termin, vor 2 Wochen, dahinter eine Kassenkarte der Barmer. Sie ist gebrochen. Ich finde einen Flyer für ein Restaurant und eine Paybackkarte. Der Dieb wusste genau, was er wollte und was nicht.

7:20 Uhr  Ich finde Telefonnummern mit Namen und Strassen. Ich erinnere mich an das Übergabeprotokoll und vermute Daten von der Wohnungsuche. Unwahrscheinlich, dass jemand von ihnen R. kennt.

7:21 Uhr  Das Übergabeprotokoll enthält Hinweise wie: „Küche verschmutzt, Bad verschmutzt, Flur verschmutzt, Wohnzimmer verschmutzt“ und weiter unten „Von RL Putzfrau engagiert (40 €)“. Der Vormieter war nicht reinlich. Aber das Protokoll enthält die Adresse der Wohnung.

7:23 Uhr  Die Suche danach ergibt nichts Neues.

7:24 Uhr  Ich finde einen Kaufbeleg über 1 Katze.

7:24:30 Uhr  Sie ist braun und kostet 48 €. Er mag Katzen. Ich mag ihn.

7:25 Uhr  Der BVG-Auszubildenden-Ausweis hat das Bad im Abfalleimer nicht überlebt.

7:26 Uhr  Ich finde Zettel mit Kontodaten und eine leere Kartenhülle der Berliner Sparkasse. Die Karte ist wohl weg. Hoffentlich hat er sie rechtzeitig gesperrt.

7:27 Uhr  Ich finde eine Liste: Es ist ein Wochenplan vom 1.10 bis 5.10
Ich erkenne einen der Namen von den Zetteln mit den Telefonnummern. Am Dienstag steht ein Termin im Kalender: 17.00 Uhr Anwalt.
Donnerstag ganztätig: Sozialstunden.
Freitag ganztätig: Sozialstunden.
Hm.

7:28 Uhr  Ich falte einen weiteren Zettel auf. Der Briefkopf sagt:
„Jugendamt
Fachbereich Familienunterstützende Hilfen,
Jugendgerichtshilfe“

Es ist eine Weisungserteilung für 60 Stunden „Freizeitarbeiten“.

7:29 Uhr  Ich klicke mit der Maus auf die Zurück-Taste im Browser. Irgendwo hier war es doch…

7:30 Uhr  Es ist das erste Ergebnis. Ich hatte nach der Strasse gesucht und der Hausnummer. Ich dachte, es sei zu formell und hatte weitergesucht. Ich öffne die Seite.

7:31 Uhr  Die Seite der freien Träger der Jugendhilfe Berlin zeigt eine lange Liste.
Ich suche nach dem Eintrag mit der Strasse und finde die Adresse und Telefonnummern.
In der letzten Zeile steht:
Betreutes Wohnen.

8:18 Uhr  Ich habe mir eine Suppe gemacht. Frühstückssuppe. Es zirkelt in meinem Kopf: Der zerknitterten Ausweis, die zerbrochene Barmer-Karte, das jugendliche Alter, die Wohnungsübergabe, Anwalt, Sozialstunden, betreutes Wohnen, Freiburg => Berlin? Ich spekuliere zu viel.
Es gibt Menschen, die ziehen das Pech magisch an. Sicher, es mag fraglich sein, ob betreutes Wohnen „Pech“ ist. Vielleicht ist es auch schlicht die Abwendung davon. Aber während des Umzugs die Brieftasche, Bargeld und Bankkarte geklaut zu bekommen, das ist Pech. Wenn man ohnehin gerade Ärger hat, weil man mit dem Jugendstrafrecht in Berührung gekommen ist, das ist Pech.
Wenn bestimmte Dinge passieren, und sie passieren alle zur gleichen Zeit, dann ist es das magische Pech, vor dem uns unsere Grosseltern immer gewarnt haben.

8:21 Uhr  Ich hole die letzte Flasche aus dem Kühlschrank: Fritz Kola-Zitrone (Hauch). Es zischt und plöppt, ich nehme einen langen Schluck und einen kurzen.
Es ist seltsam. Wenn man Vignetten eines anderen Leben vor sich hat, und die Fantasie freien Lauf bekommt und nimmt. Es ist erschreckend, wenn man ihr nachschaut und grübelt, wohin sie eilt. Wenn man sieht, wie sie eins und eins zusammenzählt und von zwei über drei auf vier und fünf kommt.

Es ist Samstag morgen, 9:30 Uhr. Ab wann kann man da eigentlich anrufen?

 
 


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