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Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
21. September 2007 / 16:32

Der Zoll der Eitelkeit

 
Finpecia

Das Hauptzollamt in Franfurt am Main / Flughafen hat eine wichtige Aufgabe. Er verwaltet und erhebt Zölle und Verbrauchsteuern, er verfolgt Schwarzarbeit und sorgt für die Einhaltung deutscher Gesetze, insbesondere bei Lebewesen, Nahrung und Medikamenten.

Verhältnismässigkeit dagegen ist keine Aufgabe, welche direkt in seine Zuständigkeit fällt.

Als ich noch ein Kind war und mit meinen Eltern an der Schweizer Grenze wohnte, war der Zoll so etwas wie die internationale Polizei. Zwischen Waldshut und dem schweizerischen Koblenz stand eine Brücke, und wer sie überquerte, hatte beim Brückentroll – verzeihung, -zoll Rechenschaft über mitgebrachte Waren abzulegen. Wer mit seinem Fahrzeug zollpflichtige Waren transportierte und dies nicht angab, musste sogar damit rechnen, von einem netten Beamten mit Gummihandschuh rektal inspiziert zu werden. Die Zöllner waren immer sehr aufmerksam, und so entging ihnen auch nicht jenes schweizerische Ehepaar, das an einem schönen Freitag Abend, irgendwann Ende der 80er Jahre, von einem nachmittaglichen Einkaufsbummel ein halbes Pfund Schweinefleisch über die Grenze zu bringen gedachte. Damals trieb die gefürchtete Maul- und Klauenseuche ihr Unwesen in Deutschland und die Schweiz, das Symbol der Unabhängigkeit im Europa, vermochte diese nur durch konsequentes Einfuhrverbot von Schweinefleisch zu stoppen. Wer sich nun um das Schicksal des schweizerischen Ehepaares sorgt, den kann ich beruhigen: Neben einer geringen Strafe von wenigen hundert Schweizer Franken konnte das Paar seinen Heimweg fortsetzen – das Fleisch blieb jedoch an der Grenze zurück. Für meine Familie war dies ein außerordentlicher Glücksfall, denn da wir zur gleichen Zeit in umgekehrter Richtung an der Grenze standen, übergab der beschlagnahmende Zöllner das eben konfiszierte Fleisch an uns mit der Bitte zur Rückführung nach Deutschland (Er durfte es selbst ja nicht behalten und wegschmeissen wäre zu schade gewesen). Ich erinnere mich, die Koteletts schmeckten ausgezeichnet und die Schweiz blieb von 1980 an MKS-frei.

Einige Jahre später, meine Mutter lag zu dieser Zeit im Sterben, unternahm ich zur Ablenkung mit meinem Bruder eine Fahrt zum Einkaufen ins schweizerische Zurzach. Normalerweise werden Bewohner von grenznahen Gebieten, erkennbar an den Nummerschildern, einfach durchgewunken – dies gilt jedoch nur, wenn die Grenzgänger alle visuellen Unbedenklichkeitsprüfungen des diensthabenden Zöllners bestehen – also z.B. Familien, Ehepaare oder Einzelpersonen. Wir, zwei junge Männer in einem Fahrzeug, dagegen bestanden diese Prüfung nicht. Nach der Kontrolle unserer deutschen Pässe, wurde mir die Einreise verweigert. Mein Pass war abgelaufen. Genau eine Woche zuvor. Pardon gab es keines – abgelaufen ist abgelaufen. Ich könne ja ein Tagesvisum beantragen, kostet auch nur 30 Schweizer Franken. Ich entschied mich, statt dessen vor der Grenze zu warten, bis mein Bruder zurückkam.

Als ich im Mai 2006 nach einem 10-tägigen Besuch in Tirana, Albanien von meiner Gastfamilie zum Fährhafen von Durres gebracht wurde, stellte ich fest, dass auch der Bundesgrenzschutz in anderen Ländern seiner dienstlichen Pflicht nachkommt. Diese Pflicht bestand darin, mit einem fetten Maschinengewehr bewaffnet vor einem dünnen Maschendrahtzaun zu stolzieren und Menschen, die sich auf mehr als 5 Schritte dem Zaun näherten mit wildem Gefuchtel und lautem Geschrei zum Rückzug zu bewegen. Obwohl wir vom Abschied sehr berührt waren, wagten wir es nicht, uns länger als wenige zähneknirschend geduldete Momente in den Arm zu nehmen. Es war ein ergreifendes Lebwohl, und wusste nicht, was schlimmer war: Die von der EU erzwungene Isolation Albaniens vom restlichen Europa, oder die Art, wie albanische Grenzschützer diese Kluft durch spürbare Menschenverachtung noch weiter vergrößerten.

Dass Grenzwächter nicht nur auf die Einhaltung nationalstaatlicher Reinheitsgebote achten, sondern auch die Volksgesundheit in besonderer Weise schützt, – und deshalb komme ich überhaupt erst zu diesem langen zollrechtlichen Exkurs – erfuhr ich vor wenigen Tagen per Brief. Das Zollamt Frankfurt am Main / Flughafen wirft mir vor, gegen das deutsche Arzneimittelgesetz verstossen zu haben. Konkret geht es um eine Bestellung für ein Medikament mit dem Wirkstoff Finasterid.
Finasterid ist in Deutschland nicht illegal und wird für folgende Zwecke eingesetzt: 1. Zur Behandlung von Vergrößerungen der Prostata und 2. bei erblich bedingtem Haarausfall.
Nun kann ich sagen, dass meine Prostata eine ausgezeichnete Größe besitzt und ich zu keiner Zeit je unter ihr gelitten habe – mit meinen Haaren sieht das jedoch anders aus. Vor einigen Jahren bemerkte ich, dass die Haardichte in beunruhigendem Maße abgenommen hatte und meine Kopfhaut deutlicher denn je zwischen den dünnen Strähnen hervorblitzte. Nun war dies keine unerwartete Entwicklung: Mein 4 Jahre älterer Bruder trug schon seit einigen Jahren mit stoischer Gelassenheit eine Glatze.
Bei mir dagegen hatte das Schicksal ein Einsehen, denn wie sich just zu diesem Zeitpunkt herausstellte, war es dem Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim gelungen ein Medikament zu entwickeln, das genau den bei mir festgestellten genetischen Haarausfall überaus erfolgreich bekämpft. Nach einer ärztlichen Untersuchung wurde mir „Propecia“ verschrieben und nach rund 3 Monaten staunte ich nicht schlecht über den wieder deutlich dichter werdenden Haarschopf. Einen Haken hatte das Ganze jedoch: Den Preis.

Eine 3-monatige Behandlung kostete rund 200 Euro. Dazu kamen noch die Untersuchungskosten des Arztes, sowie die Kosten für das regelmässig auszustellende Rezept. Klarer Fall, dass ich meine Haare so lange wie möglich behalten wollte, aber genauso klar, dass ich für einen finanziellen Ruin in meinem Alter noch nicht bereit war.
Nach etwas Recherche in Foren zum Thema Haarausfall und Behandlungsmethoden fand ich heraus, dass es Alternativen gab:
„Propecia“ besteht nämlich aus Tabletten mit je 1mg Finasterid. Die Tabletten müssen täglich genommen werden und sind in den meisten Fällen Nebenwirkungsfrei (es gibt in sehr seltenen Fällen leichte Nebenwirkungen). Die Wirkung von Finasterid wurde Anfang der 90er Jahre entdeckt, als bei der Behandlung von Prostatapatienten mit 5mg „Proscar“ als Zusatzeffekt eine Verringerung des Haarausfalls sowie eine teilweise Wiederherstellung der bereits ausgefallenen Haare beobachtet wurde. Schliesslich wurde „Propecia“ entwickelt, das mit 1mg je Tablette genau so viel Finasterid enthält, dass es den Haaren nützt, ohne sich nachteilig auf die Prostata auszuwirken.
Der Preisspar-Trick bestand nun darin, die alten 5mg-Pillen zu kaufen und diese dann in 4-5 gleich grosse Teile zu zerteilen. Durch den wesentlich geringeren Preis von „Proscar“ liessen sich dadurch im Jahr mehrere hundert Euro einsparen. Eine weitere Ersparnis brachte es, sich „Proscar“-Generica von internationalen Apotheken zu bestellen. Produkte wie „Fincar“ oder „Finpecia“ wurden dort zu wesentlich geringeren Preisen angeboten als die vergleichbaren Medikamente hierzulande. Die Wirkstoff Finasterid dagegen sowie die enthaltene Menge war die selbe. Natürlich warnte der Hersteller in einschlägigen Broschüren vor sog. „gefälschten Medikamenten“ und möglichen schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit, da die Generika womöglich mit schädlichen Inhaltsstoffen versehen sein könnten. Ich gebe zu, ich vermute auch, dass es schwarze Schafe gibt unter ausländischen Medikamentenherstellern, und natürlich sollte man sich immer sehr genau informieren woher ein Medikament kommt, und wer es verkauft. Die zahlreichen positiven Berichte über „Fincar“ und „Finpecia“ im Netz überzeugten mich jedoch von deren Unbedenklichkeit und so bestellte ich. Man kann natürlich der ganzen Welt misstrauen, aber wenn man wiederholt von guten Erfahrung mit einem bestimmten Medikament von einer bestimmten Internet-Apotheke liest, kann man durchaus von einer gewissen Glaubwürdigkeit sprechen, egal, was Unternehmen wie „Merck“ oder „Boehringer Ingelheim“ davon halten.
Ich muss sicher nicht erwähnen, dass ich mich seit Beginn der Behandlung über den angenehm dichten Haarwuchs freue und zu keiner Zeit Probleme mit der Zerteilung der Fincar-Tabletten hatte. Im Gegenteil: Ich habe eine Menge Geld gespart und würde aus meiner Erfahrung dieses Medikament zur Behandlung von genetisch bedingtem Haarausfall sofort empfehlen. So war es durchaus ein Schreck als mir das Zollamt Frankfurt in dieser Woche mitteilte, dass der von mir gewählte Weg des Erhalts meiner Haare ohne Kauf eines völlig überteuerten und verschreibungspflichtigen Medikaments in Deutschland eine Straftat ist. Schlimmer noch: Durch einen Fehler der Internet-Apotheke wurde die Anzahl der tatsächlich bestellten Pillen versehentlich verdoppelt! (von 90 Tabletten (reicht für ungefähr 1 Jahr und kostet 50 Euro) auf 180 Stück!) Für diese Verwechsung kann ich rein gar nichts nichts. Tatsächlich lassen sich über diese Seite auch nur max. 90 Tabletten bestellen, mehr ist technisch gar nicht möglich! Im gelieferten Paket waren es aber trotzdem 180 Stück, die Hölle weiss, warum. Nun wirft mir das Zollamt vor, Medikamentenhandel zu betreiben und will wissen, an wen ich die Tabletten weiterverkaufen möchte (WTF?). Es ist außerdem daran interessiert zu erfahren, ob ich Sport treibe und ob ich durch die Einnahme von Finasterid meine sportlichen Leistungen steigern möchte (W-T-F-!?). Ja, genau, das dachte ich dann auch.
Würde mir das Zollamt jetzt nicht mit einer Anzeige drohen, dann wäre das wahrscheinlich lustig. Ich frage mich – wie schon oft in meinem Leben zuvor – ob staatliche Stellen nichts besseres zu tun haben, als Privatpersonen mit Bagatellen zu kriminalisieren. Mal ist es Schweinefleisch, mal ein Abschiedsknuddler an der Grenze, mal ein seit wenigen Tage abgelaufener Pass und jetzt ein stinknormales in Deutschland zugelassenes, aber im Ausland viel billigeres Medikament, dessen Einfuhr aus nicht nachvollziehbaren oder zumindest zweifelhaften Gründen strafrechtlich verfolgt wird. Ich bin sicher, der ein oder andere Medikamentenschützer wird mir jetzt entgegenhalten, dass die strenge Kontrolle von Medikamenten in Deutschland tatsächlich der Volksgesundheit dient, dass die Entwicklung neuer Medikamente sehr teuer sei und all diese begründe, warum Medikamente in Deutschland für den doppelten bis hin zum zehnfachen Preis verkauft werden als in anderen Ländern (z.B. Frankreich oder Grossbritannien). Ich würde das gerne glauben, aber den Glauben an viele schöne Dinge habe ich schon vor Jahren verloren. Tatsächlich berichten Artikel in Zeitungen wie „Spiegel“ regelmässig über die kartellrechtlich bedenkliche Situation der Pharmaindustrie in Deutschland, über völlig überteuerte Medikamentenpreise, die Apothekeninflation und darüber, dass von vielen wirksamen und nützlichen Medikamentenneuentwicklungen nur wenige Prozent tatsächlich auf den Markt kommen. Georg Schramm sagte in der Juni-Ausgabe von „Neues aus der Anstalt“ dass in den letzten Jahren von 400 neuen Präparaten nur 7 einen neuen Wirkstoff hatten. Der Rest sei Pipifax. – Dass relativ wenige wirklich neue Medikamente entwickelt werden liegt nicht daran, dass neue Medikamente nicht wirksam wären, sondern weil die damit voraussichtlich erzielbaren Gewinnsteigerungen nur knapp im zweistelligen Prozentbereichen liegen. Was für jede andere Unternehmenssparte Traummargen sind, ist der Pharmaindustrie schlicht zu wenig, denn mit der Praxis alte Knüller neu aufzulegen (und damit auch oft zu neuem Patentschutz verhelfen) lässt sich einfach mehr verdienen. Man darf sich nichts vormachen: Pharmakonzernen geht es in erster Linie nicht um die Heilung und Linderung von Krankheiten und Beschwerden, sondern darum, hohe Gewinne zu erzielen. Patente auf Medikamente verhelfen den Unternehmen zu vielen Jahren Konkurrenzfreiheit, in denen sie bei hohen Preisen vergleichsweise geringen Herstellungskosten haben. Die angeblich so hohen Entwicklungskosten sind lächerlich im Vergleich zu den Gewinnen, die ein Unternehmen damit einfährt. Dabei ist die Frage, ob menschliche Gesundheit überhaupt eine Gewinn-orientierte Angelegenheit sein sollte. Mir ist zwar bewusst, dass ein Medikament gegen Haarausfall eher im Bereich Lifestyle anzusiedeln ist, trotzdem frage ich mich, ob es nicht reicht, dass man mit dem Verkauf dieses Mittels nur grosse Gewinne erzielt? Gibt es irgendwo ein Recht darauf, mit dem Verkauf dieses Mittels „schweine-mässig“ grosse Gewinne zu erzielen?

Umso ärgerlicher ist es, wenn man bedenkt, dass diese Praxis durch deutsche Gesetze nicht verhindert, sondern im Sinne der Pharma-Industrie sogar geschützt wird. Die Praxis des deutschen Zolls, den privaten Import von Generika strafrechtlich zu verfolgen ist nur ein Aspekt davon. Einer, mit dem ich mich jetzt auseinandersetzen muss.
Es ist so ärgerlich: Ich bin kein dummer Bürger, der Risiken für seinen Körper nicht selbst abschätzen kann. Der Staat unterstellt mir jedoch genau das. Mich erinnert dieses Spiel an die Zeit, in der meine Mutter vom Krebs gequält auf dem Sterbebett lag und wir uns gefragt haben, wieso das einzige schmerzstillende Medikament, das ihr einigermassen geholfen hat, in Deutschland nicht zugelassen war. Die Antwort wussten wir natürlich alle. Aber was bleibt einem schon als Bürger, der vom Staat keine Hilfe zu erwarten hat, sondern bestenfalls Bestrafung?
Man schmuggelt, man zweifelt, man schweigt.

 
 


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