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18. Mai 2007 / 02:18

Irgendein Medium ist immer schuld

Hilfe, die schwule Blase platzt! Wer’s nicht wahrhaben will, soll sich mal schlaulesen: Hochschweissglänzende Magazine wie G-Mag oder Polylux (Links gelöscht) berichten, dass nach 4 Jahren Gayromeo die Fruchtblase drückt.
(Batz berichtete)
Der Grund für die Hysterie: Angeblich sind die Benutzer enttäuscht vom schwulen Chat. Sie rennen in Schwärmen davon und wollen nichts mehr wissen vom bunten Treiben im blauen Katalog.

Neulich hat ein Freund, mit dem ich seit einiger zeit regelmässig chatte und den ich auch live kenne, tatsächlich sein Chat-Profil ins Nirvana geschickt. Angeblich, weil er die Unpersönlichkeit satt hat und nicht bereit ist, sein Leben der Virtualität zu opfern. Chatten findet er jetzt doof. Wir könnten ja auch mal telefonieren. Das schlug er wirklich vor.

Wieso eigentlich?
Hatten wir das nicht schon ein paar mal? In anderen Medien zwar – die Begründung war jedoch oft ähnlich und die Schlussfolgerung immer die gleiche: So könne man niemanden richtig kennenlernen.
Ich habe das schon gehört, als ich 1995 das erste Mal in Zürich eine schwule Bar besuchte: „Die Szene ist so unpersönlich“. Da lerne man ja niemanden wirklich kennen. Ähnlich hörte es sich an, als Handys populär wurden: „Ich telefonier nicht so gerne – das ist mir zu unpersönlich“. 1997, im IRC: „Chatten ist doof, weil unpersönlich“. Wenn man per E-Mail was ausmachen wollte: „E-Mails sind so unpersönlich“. Sogar Blogs sollen „irgendwie unpersönlich“ sein, weil man die Leute ja meistens nicht kennt, die man da liest.

Ja, nu… was heisst eigentlich „unpersönlich“? Ein Herangehensweise zum Verstehen eines Begriffs kann es sein, sich seine Synonyme anzusehen: Das Woxikon behauptet „unpersönlich“ bedeute so viel wie „gefühlskalt, herzlos und unromantisch“. „Persönlich“ im Gegensatz dazu steht für „subjektiv, an die Person gebunden“ oder „unübertragbar“.
„Persönlich“ steht also für warmherzige Direktheit und romantische Unersetzbarkeit der Kommunikation zwischen zwei Menschen.
In der Kunst betrachtet man Medien als Träger einer Information oder schlicht als Ausdrucksmittel. Dazu zählen Geräte und Objekte genauso wie der eigene Körper. Die Performance ist dabei genauso Medienkunst wie der Film oder die Installation. Im Fall der Performance ist es der Körper, der das Medium darstellt.
Dass nun die direkte Kommunikation zwischen zwei Menschen von keinem Medium besser als vom eigenen Körper geleistet werden kann, steht ausser Frage. „Subjektiv“ gesehen ist „romantische“ Kommunikation aber auch mit Medien möglich, die keinen direkten Kontakt herstellen. Wer würde z.B. die romantische Natur eines Liebesbriefes oder eines Strauss Blumen verneinen?
Die Fähigkeiten eines Mediums sind immer beschränkt – in der Ergänzung können sie jedoch ein Spektrum erreichen, das viel breiter ist als das des eigenen Mediums „Körper/persönliche Kommunikation“ allein.
Notwendig ist dafür aber die Fähigkeit mit dem Medium umgehen zu können. Medien sind Instrumente, die man lernen kann. Durch sie kann man reden und Informationen austauschen. Wie gut das geht ist nur eine Frage des Wollens und der sich Einlassens auf den Adressaten. Das gilt für die Medienkunst genauso wie für alle Medien der persönlichen Kommunikation.

Natürlich funktioniert kein Medium nur für sich, sondern stellt immer nur eine Ergänzung der persönlichen Kommunikation dar. Wie kann es dann aber sein, dass ein Medium wie Chat als „unpersönlich“ abgelehnt wird, obwohl es als Ersatz für persönlichen Kommunikationsmedien des Körpers nie gedacht war?
Vielleicht liegt es daran, dass viele Menschen nicht in der Lage sind, festzustellen auf was Probleme im zwischenmenschlichen Bereich tatsächlich zurueckzuführen sind und dass die eigenen Unfähigkeiten zur Kommunikation von der Wahl des verwendeten Mediums und ihren jeweiligen Beschränkungen weitgehend unabhängig sind? Vielleicht muss immer irgendein Medium schuld sein, um das Selbstbild „An mir kann es nicht liegen“ nicht zu stark zu belasten?
Ich würde mir wünschen, der Typus „Enttäuschter Chatter“, aber auch der Typus „Hochglanzjournalist“ liessen mal ein bisschen mehr Selbstkritik zu, ehe sie, wie mein oben genannter Freund einfach ihrem Profil den Garaus machen, weil es mit der persönlichen Kommunikation partout nicht klappen will. Ein paar Wochen später melden sich die meisten eh wieder an.

Ist es die Ahnung, dass es am Medium vielleicht doch nicht unbedingt liegt?

 
 


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