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Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
26. April 2007 / 20:03

Die Analprobeneinzugszentrale

Wenn es klingelt, solle ich bloss keinen reinlassen. Die finden immer irgendwas. Denen ist es egal, ob man es nutzt oder nicht, erklärten meine Mitbewohner im Chor: Wir hatten diese Uhr in der Küche, und sie war eine Gefahr für uns alle.
Keiner wusste so recht, wem sie ursprünglich gehörte. Wir hatten 1997, ich war frisch in ein Karlsruher Wohnheim gezogen und die 9 Mitbewohner auf meinem Flur wechselten im Schnitt alle 2 Jahre. Und auch wenn sich niemand so recht dafür verantwortlich fühlte, so erfüllte die Uhr trotzdem eine uns alle glücklichmachende Aufgabe: Sie zeigte in schönen großen Ziffern die aktuelle Zeit.
Das ganze hatte natürlich einen Haken. Diese Uhr war nämlich in Wahrheit viel mehr als es äußerlich schien. Sie hatte mehrere Knöpfe, und wenn man einen von ihnen drückte, nämlich den ganz linken, vernahm man ein statisches Rauschen, ähnlich dem, das außerirdische Raumschiffe machen, wenn sie militärische Kommunikationskanäle auf der Erde stören. Vielleicht, so dachten wir, war die Uhr ein geheimes extraterrestrisches Artefakt und unsere Wohnung die Zentrale einer ausserirdischen Überrasse, die von hier aus die Unterwerfung der ganzen Welt plante. Vielleicht aber, das war die andere Möglichkeit, war auch einfach nur das Radio in der Uhr kaputt.

Dass ein Mitarbeiter der Gebühreneinzugzentrale GEZ nun zwischen einer funktionierenden und einer kaputten Radiouhr unterscheiden könne, schien uns unwahrscheinlich. Geschweige denn zwischen einer kaputten Radiouhr und einem ausserirdischen Artefakt. Bestenfalls wäre dies möglich, wenn die GEZ selbst aus einer ausserirdischen Überrasse hervorgegangen sei und demzufolge sofort den Zusammenhang zwischen der Uhr, dem Wohnheim und der schon lange dort vermuteten ausserirdischen Zentrale herstellen könnte. Aber selbst wenn, schien die Gefahr gering, dass sie sich die Blösse gäben, dies einzugestehen. Ein Mahnbescheid wegen eines nicht angemeldeten Rundfunkgerätes und die Androhung einer Verschleppung inklusive Experimente mit sperrigen Analsonden und einer Stammhirnschmelze wäre uns sicher gewesen.
Aus diesem Grund hielten wir die Uhr so geheim wie einen kleinen prä-kolumbianischen Maya-Schatz.
Ausserdem: Wir waren Studenten und hatten kein Geld. Jeder gesparte Pfennig zählte.

Einen Fernseher besass ich nicht. Mein Vater bot mir an, die alte Kiste aus dem Arbeitszimmer mitzunehmen, aber irgendwie hatte mich das TV-Programm schon damals nicht mehr sonderlich gereizt. Internet war seit 1996 mein liebstes Freizeit-Medium geworden. Ich verbrachte meine Zeit mit ins epische ausufernden Chats und designte, programmierte und durchsurfte mit wachsender Begeisterung das noch junge WWW.
Videos aus dem Internet zu laden war damals noch kein Thema – MP3 war gerade in der heissen Phase und die Filme die ich sah, liefen entweder im Kino oder kamen bei Freunden von VHS.

Als ich das Wohnheim, dessen Breitbandanschluss und anarchische Zocker-Orgien mir bis heute lebhaft in Erinnerung blieben, einige Jahre später wieder verliess, blieb ich bei meinem Entschluss: Fernsehen 2000 war tot. Es lebte Web 1.0
Dennoch dauerte es damals keine 2 Wochen, als nach meinem Einzug wie aus dem heiteren Himmel ein Mensch von der GEZ vor meiner Tür stand und mir mit Analsonden und Mahnbescheiden drohte, würde ich meine mutmasslichen TV- und Radiogeräte nicht sofort anmelden. Solche, gab ich zu verstehen, besass ich nicht und wollte sie auch nicht besitzen. Mit einem „Kann ja gar nicht sein/Wir kommen wieder“-Blick im Gesicht zog er von dannen. Es dauerte bis April 2007, ehe ich wieder von ihm hörte. Und dieses mal wurde es kein Grippenspiel.
Inzwischen nämlich hatten sich dramatische Ereignisse überschlagen. Angestachelt durch die Vielfalt und Fülle des weiterevolutionierten Web 2.0 und den Verkauf von DVDs gab es für aktive Medienkonsumenten im Land immer weniger Gründe, den monatlichen Betrag von 17,03 Euro für ein statisches öffentlich-rechtliches Programm zu zahlen, wenn es tatsächlich gar nie genutzt wurde. Viele dachten sich, wenn selbst die schönste Sendung über Volksmusik und der schleimigste Beitrag von Johnannes B. Kerner nicht mehr ausreichte sie intellektuell hinterm Ofen hervorzulocken, dann kann man sich den ganzen Zauber auch schenken. Junge Familien, Studenten und Selbstständige setzten ihre alten Röhren oder Flachbildschirme in den Sperrmüll und meldeten sich einfach ab. Das passierte zwar nicht im grossen Stil, aber es passierte.

Als die vorsitzenden Außerirdischen der GEZ und der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bemerkten, dass ihnen die Basis schwand, gab es helle Aufregung und tagelange Diskussionen. Einige sagte, es liege am Programm, das immer seichter und beliebiger werde, andere behaupteten, im Gegenteil, es fehle an Volksmusik und investigativen Skandalreports aus Omas Höschenbude und dritte sagten, dass früher eh alles besser war, als die GEZ noch Stasi hiess und niemand sich mit demoralisierenden Dinge rumärgern musste wie Internet, Kommunikation und Defaude.
Um den fortschreitenden Verfall der alten Hierarchien zu stoppen, entsann man einen Plan, mit dem es gelingen sollte die verlorenen Kunden zurückzugewinnen. Frei nach dem Motto, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, erklären wir eben Schleswig-Holstein zum Berg.

Tatsächlich ist den Mitarbeitern eine Lösung eingefallen, die von überdurchschnittlicher Brillianz zeugt:
Alles, was in der Theorie Radio oder Fernsehen empfangen kann, ist jetzt bezahlpflichtig, ganz gleich ob es auch genutzt wird. Und da man mittlerweile kein Handy mehr ohne eingebautes Radio und keinen PC ohne eingebautes Internet bekommen kann, muss eben jeder zahlen, der ein solches besitzt. Denn im Internet kann man ja auch Radioprogramme hören. Und Fernsehen gucken. Klar!

Aber liebe Leute, dafür habe ich mir kein Internet gekauft! Ich wollte meine Ruhe von Eurer eintönigen Berieselung. Ich höre kein Radio, weder über meine Uhr noch über mein Handy oder meinen Computer. Euer vorgesetztes Fernsehprogramm interessiert mich nicht, ganz gleich ob ihr das jetzt auch im Internet anbietet. Ich suche mir selbst raus, was mich interessiert. Eure langweiligen Programme gehören nicht dazu.
Wenn Ihr unbedingt wollt, dass ich dafür zahle obwohl ich es nicht nutze, wieso dann der ganze Aufwand an Listen mit gebührenpflichtigen Geräten, wenn de facto eh jeder Bürger zum zahlen verpflichtet ist? Dann könnte Ihr Euren ganzen Stasi-Überwachungsapparat und viele Millionen Steuergelder sparen. Schlupflöcher gibt’s dann auch keine mehr, die mochtet Ihr ja sowieso noch nie. So eine Art allgemeine Mediensteuer. Wenn jeder zahlen muss und zwar bedingungslos, dann ist mir das recht und ihr werdet von mir kein Klagen mehr vernehmen. Aber so wie es jetzt läuft ist es einfach intergalaktischer Mist.

Aber trotzdem werde ich jetzt wohl zahlen. Freiwillig. Eure Analproben machen mir Angst.

 
 

2 Reaktionen zu Die Analprobeneinzugszentrale

  1. Horatiorama

    Recht hast du. Mediengebühren für alle! Echt. Dann können sich die ganzen Kontrolleure auch ihre Unverschämtheiten sparen und die (Rundfunk)Anstalten ihre Falschheiten und Tricks. Eiei, das würde sie ärgern, die Datenschutzgesetzesbrecher, Unangemeldetvordertürsteher und Aufdiefragewosiedieadressedennherhättenloslüger. Dann zahle ich gern, auch wenn ich keinen Fernseher habe und kein Radio und auch kein neuartiges Rundfunkempfangsgerät. Ganz ehrlich, die hatten bei mir verkackt, als sie zum ersten Mal versuchten, mich über's Ohr zu hauen: Meine erste echte Behördenerfahrung mit dem MDR 1997...

  2. caliban

    *lach*
    Wunderbar geschrieben...
    Danke


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