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24. April 2007 / 02:55

Paranoia in Apulien und der langsam gegarte Frosch

Ein zaghaft Zensur-kritischer Artikel bei SPON. Es gibt doch noch etwas Bohème in dem Laden. Etwas.

Gerade erinnert mich das mal wieder an etwas anderes: Albanien und Italien.

Im albanischen Tirana war ich im Mai 2006 und fotografierte transsexuelle Zigeuner. Danach war ich für einige Tage in Bari (Italien) und machte das gleiche mit romanischen Madonnenkitsch.
Was ich an der städtischen Kultur erstaunlich fand: Bari, obgleich grösser, sauberer und deutlich reicher als Tirana, mangelte es mächtig an Internet-Cafés. Zwar hatte ich am Ende eines gefunden. Ärgerlich war aber, dass ich sowohl meinen Namen, meine Adresse und ein Kopie meines Reisepasses hinterlassen musste – falls ich nämlich etwas Illegales im Netz zu unternehme gedächte. Scheinbar nichts ungewöhnliches in der italienischen Provinz Apulien. Was das mit Zensur zu tun hat? Nun, wer schreibt schon gern frei von der Leber, wenn er sich staatlich „beobachtet“ fühlt? Das gilt insbesondere wenn man mit sensiblen oder politischen Themen zu tun hat, aber auch wenn es nur um sehr persönliche Dinge geht.

In Tirana dagegen fehlte von solcher Zeig-mir-Deinen-Ausweis-Paranoia (noch) jede Spur: Klar, die Internet-Cafés (ich zählte mehr als in Bari) zeichnen sich nicht durch schnelle und stabile Verbindungen aus. Klar, in Albanien liegt an vielen Stellen noch einiges im Argen. Dafür spürt man dort noch genau diese Sache, die das Internet an Anfang für mich so wahnsinnig spannend gemacht hat:
Unvoreingenommene Begeisterung für die Freiheit von Kommunikation.
(sagen wir mal so: ich habe Mitte der 90er in Deutschland nicht viel investigatives Boulevard-TV geguckt und war mir deshalb nicht bewusst, dass das Internet in Wahrheit ein Hort von Pädophilen und Schwerverbrechern war. Ich fand’s damals einfach cool, dass ich jetzt mit Gleichaltrigen quer durch Deutschland oder Amerika plaudern konnte)

Auch wenn in Deutschland bei vielen die anfängliche Begeisterung für die (fast) grenzenlose Kommunikationsfreiheit einem selbstverständlichen Hinnehmen gewichen ist, wir können uns gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man diese Freiheit noch gar nie gehabt hat. Vielleicht rührt aus der fehlenden Erfahrung mit autoritären System die Ignoranz mit der wir heute der fortschreitende Zensur im Internet begegnen. „Es wird bestimmt nicht so schlimm werden“ oder „Da kann man ja eh nichts machen“ oder „Du siehst das alles viel zu drastisch“ sind die Antworten, die ich dann regelmässig höre.

Was kann ich sagen?
Es ist aber möglich, dass es genau so schlimm wird. Jeder könnte etwas machen, wenn er wollte. Es ist aber leider drastisch!
Bei unangenehmen Sachverhalten haben Menschen ein sehr träges vegetatives Nervensystem – vor allem dann wenn es sie nur indirekt betrifft, wie beim Verlust von Freiheit in fernen Ländern.
Da verhalten wir uns nämlich genauso wie der vielfach zitierte, langsam im Kochtopf gegarte Frosch.

 
 


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