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Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
21. April 2007 / 01:02

Vollidiotin

Frau mit Hundeblick

Kinobesuche sind inspirierend. Sie bestimmten massgeblich die kulturellen Einflüsse meiner Jugend in einem kleinen Dorf nahe der Schweizer Grenze. Sie retteten mich durch endlos einsame Samstagabende während melancholischer Wintermonate in Karlsruhe und ziehen mich auch in meiner neuen Heimat Berlin trotz meines eigenen kleinen Beamers daheim noch häufig begeistert in ihren Bann. Was natürlich auch an der jeweiligen Gesellschaft liegen kann, aber so oder so ist z.B. das englisch-sprachige CineStar am Potsdamer Platz oft einen Besuch wert.

Erstaunlich ist auch, was Kino in den vergangenen Jahren politisch und gesellschaftlich geleistet hat – so gab es Themen, die erst durch das Kino für eine grosse Öffentlichkeit zugänglich wurde. Der Film „Brokeback Mountain“ beispielsweise war ein Meilenstein, der erstmals einem breiten heterosexuellen Publikum zeigte, dass verklemmte schwule Cowboys sich gerne in den Popo ficken, wenn grad kein hübsches Schaf zur Verfügung steht und dass auch Rodeoreiten in noch so schönen US-amerikanische Einöden nicht unbedingt zu einer Steigerung der sozialen Kompetenz führen muss. Nicht zu vergessen die inspirierende Erkenntnis, dass auch ein reaktionäres, schwules Drama wirklich langweilig und uninspiriert erzählt werden und trotzdem als bahnbrechend, verführerisch, fortschrittlich und „süüüüüüß“ verkauft werden kann.
Wie auch immer.

Heute abend im Filmpalast am ZKM in Karlsruhe war ich jedoch besonders inspiriert. Der Film, für den ich mich spontan entschieden hatte, war in 3 Minuten fällig. Vor der Kasse zog sich eine Schlange, wie man sie normalerweise nur von Fahrkartenschaltern der Deutschen Bahn kennt. Um möglichst keine Zeit zu verlieren, stellte ich mich umgehend in die Reihe und begann mich gedanklich auf den Film vorzubereiten.
Der Titel warf einige Fragen auf – zum Beispiel, an welche bekannte Werbekampagne eines deutschen Elektronikmarktes mich die krude Wortwahl erinnerte und ob mit einer Abmahnung zu rechnen wäre, wenn man sie in Zusammenhang mit den Machern oder Schauspielern oder einem Rechtsanwalt eines deutschen Elektronikmarktes verwendete. Auch eine andere Frage, eher politischer Natur bohrte sich in meinen Kopf – nämlich wieso es eher unüblich ist, bei bestimmten Worten, z.B. Beleidigungen, zwischen männlicher und weiblicher Wortarten zu unterscheiden und nur die männliche/sächliche zu verwenden, statt – der Gleichberechtigung wegen – auch mal die weibliche.
Noch ehe diese Frage zu einer Antwort gefunden hatte, war ich schon fast an der Kasse angelangt und ein ganz anderer, neuer Gedanke meldete sich nun nervös zu Wort: Hatte ich eigentlich genügend Geld eingesteckt? Freitag abend sind die Preise meistens höher als unter der Woche und EC-Karten werden hier nicht akzeptiert. Ich kramte durch mein Portemonnaie: 7.10 €, 7.60 €, 7.70 €. 7.80 €, 7.82 €, 7.83 € – das war der letzte Cent … ob das reicht? Endlich war ich an der Reihe.
Der Dialog mit der Kassierin – sie war Anfang 20, blond, fettleibig und hatte einen Hundeblick ähnlich dem einer Dogge – lief ungefähr so:

M: Einmal Vollidiot.
K: letzte Reihe K?
M: Nicht ganz hinten, lieber was in der Mitte oder vorne…
K: Reihe J?
M: Mitte fängt bei D an …
K: (guckt doggig auf den Bildschirm) In D ist noch was frei. Macht 7.90 €
M: (guckt gequält) mist, ich hab nur 7.83 € …
K: Ja, dann geht’s leider nicht.
M: Können Sie nicht ne Ausnahme machen? Sind doch nur 7 Cent..?
K: (der Doggenblick wird intensiver) Und wer soll das dann zahlen? Ich zahl doch nicht für wildfremde Menschen 7 Cent.
M: (guckt fassungslos und fährt sehr höflich fort:) Aber die Alternative wäre, dass ich gar nicht in den Film kann und das Kino also gar nichts an mir verdient – im Vergleich zu Ihrer Gewinnspanne sind 7 Cent doch so gering…
K: Nein, das geht nicht, da könnt ja jeder kommen.
(Sie beendet das Gespräch mit einem doggigen Grunzen wendet sich dem nächsten in der Reihe zu)

Entnervt blicke ich auf meine Uhr und stelle fest, dass ich schon 10 Minuten über der Zeit bin. Ich überlege, ob es noch lohnt den Geldautomaten zu bemühen und einen neuen Versuch an der Kasse zu starten. Ich entscheide mich dagegen.
Ich hätte den Film wirklich gerne gesehen, doch der Filmpalast hat mir klar gemacht, dass er statt auf 7 Cent lieber auf meine Zuschauerschaft verzichten möchte. Vielleicht, denke ich so bei mir, kaufe ich einfach irgendwann die DVD, wenn sie auf dem Grabbeltisch gelandet ist – vielleicht sogar für einen Preis unter 7.83 €. Und immerhin habe ich ja meinen eigenen Beamer.
Als ich den „Filmpalast“ verlasse, denke ich wieder über die Frage nach, die ich mir kurz vor der Kasse schon gestellt habe.
Vielleicht gibt es bestimmte Worte nur in der männlichen Form, weil die weibliche Form nicht ausreichend groovt. Wahrlich schade, dass ich nicht noch einmal umgekehrt bin. Mir sind auf dem Heimweg noch einige groovige Wortformen eingefallen, die der Gleichberechtigung alle Ehre gemacht hätten.
Kino ist immer wieder inspirierend.

 
 

9 Reaktionen zu Vollidiotin

  1. Horatiorama

    Na, der jungen Frau ist wahrscheinlich ganz egal, dass dem Filmpalast am ZKM da Einnahmen und vielleicht ein Kunde etc. verloren gegangen sind. Ein "Ich zahl doch nicht für wildfremde Menschen 7 Cent" finde ich aber echt erbärmlich. Für ein Kino das Kundenbindung sucht (mit der Kundenkarte hätte das Geld gereicht) ist es echt traurig. Also: Programm- oder Privatkino das nächste Mal!

  2. Jimmy

    Da muß ich nun mal für die Frau in die Bresche springen: Kino-Mitarbeiter werden meistens von ihren Chefs beschissen behandelt. Und die sitzen da für einen (Hunger-)Stundenlohn von schätzungsweise max. 6,50 €. Fehlbestände in der Kasse müssen oft auch noch aus eigener Tasche bezahlt werden (zwar nicht rechtsmäßig, aber was will man machen? Und da die Frau sagte, SIE würde doch nicht... nehme ich an, das ist bei denen auch so). - Und da erwartest Du allen Ernstes, daß die sich noch um "Kundenbindung" Gedanken macht?
    Außerdem hab ich's selbst schon in ähnlichen Situationen erlebt, daß einige Leute diese Masche versucht haben, und danach kauften sie fleißig an der Popcorn-Theke ein und zahlten mit 'nem 50er. Ich denke, da würdest Du nach 'ner Weile auch abhärten. Ausnahmen macht man in der Regel nur noch für Kinder, wenn mal 10 oder 20 Cent fehlen...

  3. Natürlich kann man argumentieren, dass die arme Frau keine Verpflichtung hat, mir 7 Cent zu schenken und natürlich kann man hinzufügen, dass sie vermutlich schlecht bezahlt wird, und selbstverständlich kommt es vor, dass Leute behaupten nicht genug Geld dabeizuhaben und hinterher dann doch Geld an der Popcorntheke lassen. (Was dann im Endeffekt ja trotzdem Gewinn für den Betreiber gewesen wäre - aber egal..)
    Aber mal Hand aufs Herz: Fast jeder kennt die Situation, dass ihm ein paar wenige Cent fehlen und fast jeder hat schon einmal erlebt, dass der Kassierer gesagt hat: Na gut, kein Problem, die paar Cent zahlen wir aus der Kaffeekasse. Im Kinos wie dem Filmpalast findet die Kaffeepause augenscheinlich in den angrenzenden Cafés statt. Nix mit Kaffeekasse.
    Natürlich sind nicht allein die Kassiererinnen schuld - auch die Kinoleitung liesse sich vortrefflich schelten, weil sie ihren Mitarbeitern nicht den Spielraum gibt, auf Fälle wie diesen angemessen zu reagieren.

    Am Ende aber bleib ich dabei: Wer lieber auf eine Gewinnmarge von ein paar Euro verzichtet statt auf 7 Cent, ist einfach eine Vollidiotin.
    Und das nächste mal überlege ich, ob ich nicht lieber gleich in die Schauburg gehe...

  4. Jimmy

    Ich gebe Dir im Prinzip ja Recht, wenn es sich bei der Kassiererin gleichzeitig um Inhaberin handeln würde; dann wäre es geschäftsmäßiges Denken und Kundenfreundlichkeit mit -bindung. - Aber was Du einfach nicht zu begreifen scheinst: Die Kassiererin hat einfach überhaupt nichts davon. Der einzige, der sich darüber freut, ist der geldgierige Chef hinter ihr, der ihr wahrscheinlich auch noch einen Anschiß verpassen würde, wenn er's mitbekäme. Ich kann nur empfehlen, mal einige Monate an 'ner Kino-Kasse zu arbeiten, danach sprechen wir dann weiter, okay?

  5. Ich saß mehrere Jahre in einem Getränkemarkt an der Kasse. In dieser Zeit habe ich gelernt, zu welchen Höchstleistungen ein Mensch unter Stress fähig ist (zum Beispiel freundlich sein) ;-)

    Zugegeben, in meiner Erzählung hätte ich noch stärker die doggige Grundeinstellung der Vollidiotin hervorheben sollen - der zwischenmenschliche Faktor spielt ja im Alltag oft eine nicht ganz unbedeutende Rolle. Ich denke, wenn sie mir *freundlich* gesagt hätte, dass es ihr bei Strafe und unter Androhung von Folter untersagt ist, für Gäste des Kinos 7 Cent zu spenden, dann hätte ich mich vielleicht auf eine "blöde Kühin" oder "Halbidiotin" herunterhandeln lassen, aber so ...

    Ich halte nichts von Knausrigkeit. Wenn ich an einer Kasse sitze und mir einer sagte, er habe ein paar Cent zu wenig dabei, würde ich Milde walten lassen. Meine Eltern haben vielleicht auch nicht immer alles richtig gemacht, aber sie haben mir beigebracht, was sich gehört.

  6. F5 - Die Fünf Filmfreunde

    [...] Weiterlesen bei Blogoff [...]

  7. frank

    da hätte ich dich auch nicht reingelassen. wenn man ins kino will muss man genug geld mitbringen. da es nur wenige leute gibt, die für 7 cent weniger den film sehen wollen, sind die kinobetreiber nicht auf diese zielgruppe angewiesen.

  8. :-)
    umgekehrt allerdings auch nicht

  9. Sneakfilm.de - Kino mal anders » So sollte Kino nicht sein

    [...] Filmfreunde und “Blog Off!” befasst sich dem Thema Kinoerlebnis…und zwar nicht unbedingt mit dem postiven. Beide Seiten [...]


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