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23. Januar 2007 / 05:49

Faule Würste

Die faule Wurst des Monats
Copyright

Es gibt viele Dinge, die in heutigen Zeiten scheinbar keine Gültigkeit mehr haben. Dazu gehört dieses:

„Ein urheberrechtlicher Schutz ist nur dann möglich, wenn die geistige oder künstlerische Leistung eine angemessene Schöpfungshöhe aufweist“ (Quelle)

Werfen wir noch zusätzlich einen Blick auf eine weitere Definition eines Begriffs, der heutzutage nicht mehr so richtig ernst genommen zu werden scheint:

„Als Schöpfungshöhe (auch: Gestaltungshöhe, Leistungshöhe) wird im Urheberrecht das Maß an Individualität (persönlicher geistiger Schöpfung) in einem Produkt geistiger Arbeit bezeichnet.“ (Quelle)

Wer nun nämlich glaubt, die schlichte Fotografie einer Wurst oder gar eines Rinderbratens weise keine sonderliche Schöpfungshöhe auf, der könnte vielleicht schon bald ob eines Irrtums belehrt werden.

Schlicht atemberaubend finde ich es, auf welchem Weg sich ein Rezepte-Webseitenbetreiber „Recht“ verschaffen möchte. Und ein bisschen Kohle, so ganz nebenbei. 6000 Euro Abmahnungskosten sind ein erkleckliches Sümmchen, und Abmahnfähige gibt es im deutschen Internetz eine ganze Menge. Vom Rezept-Vertreiber zum Millionär möchte man sagen – die Verwirklichung eines Deutschen Traums.

User-agent: *
Disallow: /bilder/

User-Agent:MSIECrawler
Disallow: /

Übersetzt heisst das: Alle Suchmaschinen, bis auf den MSIECrawler dürfen diesen Server scannen. Aber keine einzige darf sich durch das Verzeichnis /bilder/ wühlen.
Wer nun glaubt, mit /bilder/ sei das Verzeichnis gemeint, in dem sich die inkriminierten Dateien befinden, den muss ich enttäuschen. Das Bild eines Brötchens, das unter anderem Gegenstand der Abmahnungen ist, befindet sich unter folgender URL:

/index-bilder/broetchen.jpg

Hieraus vermute ich folgendes:

  1. Die Betreiber der Rezepteseite wissen, wie man ein Bilderindizierung (z.B. bei Google) unterbinden kann, da sie bereits einzelne Verzeichnisse von der Indizierung ausgeschlossen haben
  2. Die Betreiber verzichten aber darauf den Pfad /index-bilder/ zu sperren und fördern somit wissentlich das Auffinden, Herunterladen und letztlich auch das Benutzen ihrer Bilder.
  3. Bei einer Suche in Google stellt sich heraus, dass auf dieser Seite mehr als 9800 bei Google indizierte Bilder zu finden sind. Bei den meisten davon handelt es sich um austauschbare Fotografien von Speisen und Getränken, deren urheberrechtliche Schöpfungshöhe nach meiner Einschätzung knapp über der von Passbildern liegen dürfte.

Wenn sich meine Vermutungen als richtig erweisen, muss man also davon ausgehen, dass hier Rechtsverstösse vom angeblich Geschädigten absichtlich gefördert werden und zwar – das legt die gezielte und systematische Abmahnpraxis des Unternehmens nahe – um damit Geld zu verdienen.

Dass je angeblichen Urheberrechtsverstoss nämlich eine Summe von 6000 Euro zu zahlen sein soll, übersteigt jegliches Mass.
Selbst ein Zehntel der Summe, 600 Euro, wären vollkommen übertrieben. Die Aufwandskosten für eine Brötchenfotografie dürfte in einem professionellen Fotostudio vielleicht bei knapp 50 bis 150 Euro liegen, und selbst das ist überteuert, wenn man bedenkt, dass man heute ein super ausgeleuchtetes Portraitfoto für deutlich weniger bekommt. Wieso kann der Streitwert so viel höher liegen als der tatsächliche Produktionswert des umstrittenen Gegenstandes?

Abgesehen vom rechtlichen Desaster finden wir hier aber auch ein Moralisches. Jemand, der es nötig hat, sich wegen ein paar Bildern, die von Privatpersonen nicht-kommerziell verwendet werden, dermassen jenseits jeglichen massvollen Verhaltens zu gerieren, hat in meinen Augen seine rechtliche Anerkennung in dieser Sache verloren. Es wird Zeit, dass dies endlich auch von der Politik, insbesondere von Frau Zypris, so gesehen wird. Letztere hat sich in den vergangenen Jahren nicht damit berühmt gemacht, dass sie die das Urheberrecht betreffenden Rechte von Verbrauchern und Privatpersonen gestärkt hätte.

Wieso, frage ich mich, kann man eigentlich nicht wirksam dafuer belangt werden, wenn man massenhaft Abmahnungen einsetzt, um zu massenhafter Kohle zu kommen? Vor allem, wenn man selbst hauptsächlich für die vorsätzliche Förderung des beklagten abmahnfähigen Verhaltens verantwortlich ist? Wann wird diesem wahnwitzigen Abmahnmissbrauch, der in den vergangenen Jahren immer mehr zum Motor einer Industrie geworden ist, endlich ein Ende gesetzt?

Ich empfehle zivilen Ungehorsam. Abmahngebühren nicht zahlen. Sammelklagen zurück an den Aggressor. Rezeptseiten auf keinen Fall verlinken. Öffentlichkeit herstellen. Und Meinung kundtun, so wie es das Grundgesetz auch erlaubt.

Werden wir ja sehen, wer hier Recht bekommt.

Die oben abgebildete Wurst ist übrigens von mir selbst fotografiert und freigestellt und bearbeitet worden. Gegessen habe ich sie aber nicht, dafür war sie zu widerlich.
Das Bild wird hiermit unter CC-Lizenz veröffentlicht und darf somit von jedermann verwendet werden. Ich gestatte ausdrücklich auch eine kommerzielle Verwendung. Höhere Auflösung bis 2500x2100px können bei mir angefragt werden. Ein Quellenangabe wäre sehr freundlich, ist aber keine Bedingung.

Weitere Wurstgrößen zur freien Verwendung:

Die faule Wurst des Monats Die faule Wurst des Monats
 
 


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