YouTube Twitter Facebook RSS-Feed

Kennst Du meine Videos auf ?

Meine Kanäle: Comedy & Cartoons / Reise-Abenteuer / Vlog-Schrott
 
5. Juli 2006 / 20:18

Schwule in Tirana: CROSS KICK

Homosexualität hat in Tirana keinen Platz. Die Hauptstadt Albaniens befindet sich wie der Rest des Landes noch auf der Suche nach einer neuen Identität. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Regimes zu Beginn der 90er Jahre haben neue Werte es schwer sich durchzusetzen. Einziger Halt sind der Familienverband und traditionelle Gesetze, wie der Kanun. Offen schwul zu leben ist daher unmöglich.
In Parks und privaten Häusern, hinter Gesten und konspirativen Zeichen leben albanische Homosexuelle in einer parallelen Welt. Es gibt wenige, die sich offen zeigen und die meisten von ihnen sind Außenseiter und gehören gleich mehreren ungleichen Minderheiten an: Transsexuelle, Zigeuner, Menschen der Strasse. Die grosse Mehrheit der Schwulen aber bleibt für die Gesellschaft nicht sichtbar.

Um über die schwierige Situation der albanischen Schwulen zu informieren, habe ich in Tirana nach ihnen gesucht.
Die Ergebnisse dieser Recherche habe ich in Zitaten und künstlerischen Bildern festgehalten.

„Homosexuelle Albaner wollen nicht aus ihrer Deckung kommen. Sie kommen ja nicht einmal aus ihren Häuser, um die Treppen zu putzen. Als die Demokratie kam, haben wir nicht nur unser altes Regime hinter uns gelassen, sondern auch unsere soziale Verantwortung. Von Gemeinschaft ist in Albanien nichts zu spüren. Wieso sollte es hier also eine schwule Gemeinschaft geben?“
(ein Geschäftsmann aus Tirana)

Special place, Tirana

„Den ersten Schwulen, den ich übers Internet kennenlernte, führte ich hierher an diesen besonderen Ort, an dem wir ungestört sein konnte. Hier saßen und redeten wir stundenlang – bis wir uns am Ende küssten. Er sagte, dass er nur mit einer Frau zusammenleben könne und was er eigentlich suche sei rein sexuell. Ich wollte eine richtige Beziehung. So blieben wir nur Freunde.“
(ein Student)

Burn them on Skanderbeg Square

2005 lief in Top Channel, dem größten TV-Sender Albaniens, eine Diskussion über Homosexualität. Unterstützt wurde die Sendung von internationalen Organisationen – doch die Programmgestaltung verblieb beim Sender – sehr zum Nachteil der ursprünglichen Absicht, über das Thema aufzuklären und es positiv darzustellen.
Es kam zu einer hitzigen Debatte, an deren Ende jemand öffentlich dazu aufrief, alle Homosexuellen auf dem Skanderbeg Platz in Tirana zu verbrennen.

Private party

Schwule Cafes und Clubs gibt es nicht in Tirana. Gefördert von internationalen Hilfsprojekten und oft auf eigene Faust werden Treffen und Partys in Wohnhäusern veranstaltet. Die Orte werden nur privat weiterempfohlen, von Mund zu Mund und per Mobiltelefon. Die Gefahr, dass gewaltbereite Schwulenhasser die Orte belauern ist gross, zumal die Polizei diese Veranstaltungen nicht schützt und selbst oft aktiv gegen Homosexuelle vorgeht.
Die Veranstaltungsorte wechseln schnell: In einer dieser privaten Wohnungen war ein solcher – heute lebt hier eine Familie.

Habitat

Parks sind in Albanien die einzige Möglichkeit im öffentlichen Raum Schwule kennenzulernen. Die Gefahr an Schläger oder schwulenfeindliche Sicherheitsleute zu geraten ist sehr gross. Vor einigen Jahren wurde hier ein Holländer von der Polizei kontrolliert. Weil er keinen Ausweis bei sich trug und Kondome in seiner Tasche hatte, wurde er festgenommen, misshandelt und erst nach Tagen wieder freigelassen.
Solche Vorgänge sind leider üblich. Die Polizei macht weder Halt vor Ausländern noch vor den eigenen Landsleuten. Das albanische Gesetz, das weder Homosexualität noch das Mitführen von Kondomen als Straftatbestand sieht, hat hier keine Macht.

Transsexual gypsies 2

Die einzigen „Schwulen“, die in Tirana sichtbar werden, sind eigentlich Angehörige einer ganz anderen Minderheit: Transsexuelle Zigeuner.
Man trifft sie oft an verschiedenen Orten in der Stadt und im Gegenteil zu den „echten“ Schwulen sind sie durchaus sichtbar. Als auffällige Aussenseiter bestimmen sie Vorurteile und das negative Bild, das viele in Albanien von Homosexuelle haben.
Von einer Akzeptanz der „Gypsies“ kann nicht gesprochen werden, da sie am öffentlichen Leben nicht teilnehmen und nur innerhalb der eigenen Minderheit, mit Prostituierten oder Drogenabhängigen verkehren.

Transsexual gypsies

Die albanische Schwulenkultur ist noch in der Entstehung begriffen, und es wird noch eine Weile dauern, bis sie zu einer Reife gelangt ist, in der sie sich geschlossen nach aussen hin zeigen kann. Die Jugendlichen, ermuntert durch die Möglichkeiten des Internets, tragen einen wichtigen Teil dazu bei – aber auch sie kämpfen noch weitestgehend alleine und ohne Lobby für ihren Platz in der Gesellschaft.

 
 

6 Reaktionen zu Schwule in Tirana: CROSS KICK

  1. Alpha-Hasi

    Ein erschreckender Bericht.

    Es gibt viele Erklärungsmuster für die Diskriminierung von homosexuellen Männern und Frauen. Erstaunt bin ich immer wieder über die unterschiedlichen Folgen, die das für die Betroffenen hat. In Deutschland ist es eventuell der Verlust des Arbeitsplatzes oder die soziale Ächtung, in dem man bestimmte Ämter und Positionen gar nicht erst einnehmen kann (da spielen viele Faktoren eine Rolle). Dort, wie andernorts, geht es um das nackte Überleben. So ist auch das Risiko, sich zu zeigen, dort ein ganz anderes als hier. Hier kann ich mit meiner Offenheit vielleicht sogar punkten. Dort kann das nicht sorgfältig genug Verstecktsein töten.

    Großen Respekt habe ich vor denen, die Du hier »transsexuelle Zigeuner« nennst. Sie sind sichtbar. Sie verstecken sich nicht. Und sie könnten sich auch gar nicht verstecken. Sie tun dem Volk im Auge weh, das nicht wahrhaben will, dass es ein »anderes« Leben gibt, und doch immer wieder daran erinnert wird. Schriftsteller wie Genet (»Notre Dame des Fleurs«), Puigs (»Kuss der Spinnenfrau«) oder Filmemacher wie Almodóvar, Alea (»Erdbeer und Schokolade«) oder Kokkinos (»Head On«) haben ihnen ein Denkmal gesetzt, quer durch alle politischen und religiösen Gesellschaften.

    In der Christopher Street waren es genau diese Ausgestoßenen – aber Sichtbaren! – die sich solidarisiert und zur Wehr gesetzt haben. Die angepassten versteckten Schwulen haben sich erst danach in die Reihen gestellt und gefordert. Um so ärgerlicher wird es dann, wenn wie im Berlin der Siebziger, der »Tuntenstreit« losbricht: auf einmal sollen Tunten nicht mehr mitdemonstrieren, weil sie das Bild der Homos in schlechte Licht rücken. Ein Mann trägt keinen Fummel! Es schließt sich an: gute Schwule gehen nicht auf die Klappe und gute Schwule nutzen keine Darkrooms, Schwule halten auch nicht Händchen in der Öffentlichkeit (genauso wie Frauen auch keine kurzen Röcke tragen sollten, damit sie nicht Vergewaltigungen provozieren).

    Tunten sind inzwischen als »Erschfrischungsstäbchen« auf Parties fest etabliert – um den Preis ihrer gesellschaftlichen Provokation, die sie vor wenigen Jahren noch ausstrahlten. Aber die Bereitschaft der Homoszene, sich von den anderen zu distanzieren, schimmert immer mal wieder durch. Ich denunziere bei der Gesellschaft den anderen als ekeligen Klappengänger und bin selbst der saubere integrationswürdige Schwule. Geschehen in Berlin z.B. beim Grußwort des Bürgermeisters in einem Blatt, welches für ein Ledertreffen geworben hat: da gab es auch aus der schwulen Gemeinde Kritik, dass »wir« so in ein falsches Licht gerückt werden.

    Angestachelt bin ich durch den obigen Satz: »Als auffällige Aussenseiter bestimmen sie viele Vorurteile gegenüber Schwulen.« Ja, das tun sie. Aber zum einen sind es »Vorurteile« und überhaupt sind es »Urteile«. Das muss einem bewusst bleiben. Ich fände es sehr tragisch (wenn es auch sehr wahrscheinlich ist), dass sich Schwule dort im Laufe der Jahre dadurch etablieren, dass sie sich zum Beispiel von jenen Leuten betont »positiv« abheben, indem sie ein sauberes, der Gesellschaft schmeichelndes Leben leben und die anderen (mit-)verdammen.

    Um überhaupt etwas zu bewegen, braucht es Leute, die nicht nur ihren Arsch, sondern auch Ihr Gesicht hinhalten. Es ist schon oft so gewesen, dass die ersten, die sich gezeigt haben, am Ende die letzten waren. Eine Ungerechtigkeit, mit der ich mich nicht abfinden mag.

    [sorry für den langen Comment, ich hab ja kein egenes Blog... *hüstel*]

  2. Hey, ich freue mich auch über lange Kommentare! :-)

    Die Situation der homosexuellen Frauen in Albanien stellt sich natuerlich wieder ganz anders dar, da auch die Situation der Frauen im allgemeinen in Albanien nicht mit der in unserem Land vergleichbar ist. Auch ist es für mich als Mann schwieriger, in dieses sensible Thema vorzudringen. Daher habe ich mich bewusst auf die Männer konzentriert.

    Genauso ist die Situation der "Sichtbaren" in Tirana schwierig: Von den Albanern werden sie doppelt gehasst: Weil sie Zigeuner sind und weil sie sich offen zu ihrer sexuellen Identität bekennen.
    In der Regel geht man ihnen aus dem Weg. Sie sind zu anders, als dass die Allgemeinheit ein Interesse an ihnen entwickelt. Gleichzeitig haben die Leute Angst vor ihnen: Sie gelten als kriminell und unberechenbar und bei manchen mag das auch die Wahrheit sein.
    Als ich mich mit ihnen unterhalten habe, begannen zwei sich gegenseitig anzugreifen. Flaschen flogen und Splitter zischten durch die Luft - ich habe Glück gehabt, dass sie nicht höher flogen.

    Dass ihre Offenheit falsche Vorurteile schürt ist aber umso grotesker, da es sich bei den genannten "Sichtbaren" nicht um "Schwule" handelt, sondern um Mann-zu-Frau Transsexuelle, die logischerweise nur hetero oder lesbisch sein können.
    Für jemanden, der sich nicht mit dem Thema auskennt oder sich nicht dafür interessiert - wie die meisten Albaner, sind diese Unterschiede jedoch ohne Belang.

    Ein Aufstand der Unterdrückten ist in Albanien noch nicht in Sicht. Tirana ist im Vergleich zum Rest des Landes zwar recht modern und wenn man sich das Stadtbild ansieht, lässt man sich leicht täuschen vom lockeren Flair und den gestylten Jugendlichen, die man in einer deutschen Schwuppenbar verorten könnte.
    Andererseits ist die Angst der Schwulen zu gross und der Zusammenhalt zu gering.
    Es fehlt der Schutz der staatlichen Ordnung und eine funktionierende schwule Infrastruktur: In New York gab es wenigstens Bars - die waren verboten, aber es gab sie. In Tirana sind sie erlaubt, aber es gibt sie einfach nicht.

    Mut gemacht haben mir einige der jüngeren Schwulen, die viel selbstverständlicher mit ihrer Sexualität umgehen und das Internet nutzen, um Kontakte herzustellen.
    Aber die Kinder der Revolution sind gerade mal in der ersten Generation. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie den archaischen Wurzeln ihres Landes entwachsen sind.

  3. Antiteilchen

    Ein sehr interessanter Bericht. Es gibt in einigen Ländern Europas, Polen, Albanien etc. noch soviel zu tun, was Diskriminierung, nicht nur von Schwulen und Lesben, angeht. Leider taucht Albanien in den Medien gar nicht auf. So als gäbe es dieses Land gar nicht. Ich hörte einmal es sei das Armenhaus Europas. Ich finde, das ist ein Armutszeugniss für Europa!

  4. Ja, Albanien ist für die Deutschen ein weisser Fleck auf der Landkarte - dabei wäre man überrascht zu sehen, welche wichtige Rolle deutsche Kultur in Albanien spielt und welche Gemeinsamkeiten sich trotz der Isolation zwischen beiden Ländern finden.
    Die Menschen dort leben hinter Grenzen, aber nicht hinterm Mond :-)

  5. BLOG OFF ! » Sichtbar!

    [...] Unsichtbaren” ist eine Weiterentwicklung einer künstlerischen Dokumentation schwulen Lebens in Tirana, Albanien, der ich mich bereits letztes Jahr gewidmet [...]

  6. Im albanischen Busch « BLOG OFF!

    [...] damaligen Erfahrung (nicht der Text aus der Front, sondern das, worum es darin geht) kann man hier nachlesen. Und was ich mit den Künstlern und Architekten außerdem noch erlebt habe, steht hier. [...]


Nachfolgebeitrag:
Vorgängerbeitrag:

powdered by wordpress and manniac.de and Bilder Blog (cc-by-nc-sa) 2007